Untergegangene Welt [3.4]

In der 3. Fortsetzung der fantastischen Erzählung „Untergegangene Welt“ begegnen Wad und Alrond einem Unbekannten. Währenddessen erreichen Lyssea und Tuson mit letzter Kraft die Kräuterkundige, die ihnen ihre Hilfe anbietet.

Die Erzählung „Untergegangene Welt“ ist der dritte Teil der Reihe „Geschichten aus dem Blauen Nebelgebirge“.

Was bisher geschah

Untergegangene Welt 4

Manas betrat die Taverne „Zum pfiffigen Biber“. Er sah sich im halbdüsteren Raum um. Die Taverne war – wie immer um die späte Stunde – gut besucht. An einem der Tische saß Pyronnas. Er war der älteste der Schreiber, ein schmächtiger Mann mit grauen Haaren.
Manas ging auf ihn zu.
„Guten Abend, Pyronnas“, begrüßte ihn Manas, „darf ich mich dazusetzen?“
„Guten Abend, guten Abend. Das kommt darauf an. Sollten wir uns kennen?“ Der Schnauzer von Pyronnas zittere leicht, wenn sich seine Lippen bewegten. Manas bemühte sich, nicht ständig darauf zu starren.
„Ich bin Manas, ein Freund von Alrond. Manchmal habe ich ihn in eurer Schreibstube besucht. Du hast in seiner Nähe gesessen.“
„Ach, jetzt erinnere ich mich an dich. Du bist diese Quasselstrippe, die mich zuletzt beim Schreiben gestört hat.“
Manas errötete. „Ja, ich glaube, das war ich.“
„Aber du bist bestimmt nicht hier, um mit mir anzustoßen?“ Pyronnas trank aus seinem Steinkrug und wischte sich den Bierschaum mit dem Ärmel von seinem Schnauzer.
„Nein. Ich wollte mit dir über Alrond sprechen. Die anderen Schreiber haben mir gesagt, dass ich dich hier finden werde.“
„Aha, was hat er unser Rumtreiber schon wieder ausgeheckt?“
Manas erzählte ihm von Alrond, der zuletzt im Quellenheiligtum war, von seiner Begegnung mit Lyssea und Tuson und von dem Vorfall mit dem Kleinen Rat.
„Und seitdem hat niemand Alrond gesehen?“, wunderte sich der betagte Schreiber. „Ich habe gedacht, dass er schon wieder auf einem seiner Ausflüge in die Umgebung ist.“
„Nein, dieses Mal nicht. Ich habe gehofft, dass du mir etwas darüber sagen kannst.“

„Und bei ihm zu Hause und in der Quelle hast du schon nachgesehen?“

„Ja, seine Hütte war leer. Nur ein wenig durcheinander, aber das ist nichts Neues“, erwiderte Manas, „und in der Quelle habe ich keine Spur von ihm entdeckt.“
„Und nun bist du zu mir gekommen. Warum glaubst du, dass ich dir helfen kann?“
„Die anderen Schreiber haben mir gesagt, dass du dich gut mit der Geschichte von Phoenixstein auskennst. Und außerdem hast du Zugang zum Stadtarchiv.“
„Das haben sie gesagt? Auch wenn es stimmen sollte, wie kann dir mein Wissen und die alten Aufzeichnungen aus dem Archiv weiterhelfen?“, fragte Pyronnas. Er wippte mit dem rechten Fuß.
„Wenn Alrond nicht in der Quelle ist und es niemand gesehen hat, dass er den Tempel verlassen hat, dann muss er noch drinnen oder darunter sein.“
„Darunter? Du meinst unter dem Quellentempel?“, wunderte sich Manas.

„Das Bier für die Herren.“ Ysella stellte zwei Bierkrüge auf den Tisch. „Gibt es immer noch keine Nachrichten von Alrond?“

„Leider noch nicht“, erwiderte Manas, „aber ich habe eine Idee, wie wir ihn finden können.“

Alrond und Wad drehten sich um. Hinter ihnen stand ein 1,85 m großer Mann, mit kräftiger Statur. Sein braunes Haar trug er kurz. Sein Kinn umrahmte ein lockiger Bart.

„Sellur, was machst du hier unten?“, erfuhr es Wad.
„Hm, das könnte ich dich auch fragen. Es ist ein ungewöhnlicher Ort für ein Wiedersehen.“
„Das ist der Mann, von dem ich dir erzählt habe.“ Wad wandte sich an Alrond. „Aber wo sind meine Manieren? Sellur, das ist Alrond. Er gehört zu den Schreibern von Phoenixstein. Und das ist Sellur. Wir haben uns auf der Furchtlosen Feda kennengelernt. Er ist vom Beruf …, Ja, was denn?“
„Sagen wir, ich bin ein reisender Händler von den Korallinseln.“
„Ein reisender Händler? Womit handelst du?“, wollte Alrond genau wissen.
„Mit verschiedenen Wertgegenständen und Gewürzen. Ich bringe unsere Koralle und kaufe Gewürze ein, die es bei uns auf den Inseln nicht gibt. Ich wollte mich schon länger auf eurem berühmten Markt umsehen.“

„Wir wissen immer noch nicht, warum du hier unten bist, Sellur.“ Wad ließ nicht locker. „Was macht ein Händler in dieser Höhle?“
„Ich habe seltsame Gestalten in die Quelle gehen sehen. Da wollte ich nachsehen, wer sie sind. Es hat eine Weile gedauert, bis ich den Eingang gefunden habe.“
„Bei uns ging es dank Wad schnell.“ Alrond blickte Wad von der Seite an.
„Ach ja? War der Abstieg für euch auch so beschwerlich?“
„Nein, es hat geradezu geflutscht“, Alrond lachte.
„Ja, ja, so schlimm war es auch nicht“, protestierte Wad, „immerhin sind wir da und noch am Leben.“
„Wenn wir vom Leben und Überleben sprechen. Habt ihr auch die essbaren Pflanzen erkannt?“
„Nein, damit kennen wir uns leider nicht aus. Zumindest haben wir keine uns bekannten Pflanzen gesehen.“
„Dann müsst ihr bestimmt Hunger haben. Hier, ich habe einige mitgenommen.“ Sellur reichte ihnen Kräuter und Wurzeln unterschiedlicher Farben und Formen. Sie rochen ätherisch.
„Vielen Dank“, Wad nahm die Rohkost entgegen und gab die Hälfte Alrond.
„Nachdem ihr euch sattgegessen habt, sollten wir weitergehen. Ich habe mir die Fußabdrücke angesehen. Wir sind auf der richtigen Spur.“

 

 

„Legen wir ihn aufs Bett“, sagte Tessia. Die Kräuterkundige und Lyssea trugen Tuson ins Schlafzimmer.
„Hier, drück dieses Tuch auf seine Wunden. Ich muss eine Salbe vorbereiten. Pass auf, dass er nicht ohnmächtig wird.“ Tessia verschwand in der Küche.
„Halte durch Tuson. Wir holen dich aus diesem Schlamassel. Tessia wird gleich eine Heilsalbe herstellen.“ Lyssea drückte das Tuch auf die Wunde.
„Ich zweifle nicht daran. Jetzt werde ich aber schlafen. Ich bin so müde.“ Tuson schwitzte stark. Er schloss seine Augen.
„Nein, Tuson, du darfst jetzt nicht einschlafen. Warte noch, gleich kommt Tessia zurück.“
„Hier bin ich auch schon. Lyssea, hilf mir, die Salbe aufzutragen.“ Tessia drückte ihr ein Steingefäß in die Hand.
„Das wird jetzt ein wenig brennen“, sagte Tessia zu Tuson. Sie trug die dunkelgrüne Salbe mit einem flachen Holzstäbchen auf seine Wunde auf.
„Erzähl doch, warum ihr zu mir gekommen seid. Es ist vermutlich kein Höflichkeitsbesuch.“

Lyssea berichtete ihr von den Ereignissen aus Phoenixstein und dem Zustand, in dem sich der Kleine Rat befand.

„Das klingt ernst. Und ihr kennt sonst niemanden, der euch helfen könnte?“
„Nein, der Heiler von Phoenixstein liegt auch in der Hütte des Rates. Und die anderen sind nur Quacksalber.“
„Dann packe ich schnell einige Sachen zusammen. Wir sollten schleunigst nach Phoenixstein reiten.“
„Und was ist mit Tuson? Kann er in seinem Zustand schon wieder reiten?““
„Er wird vorerst hier bleiben. Tusons Wunden müssen gut verheilen, bevor er sich wieder auf ein Pferd setzen kann. Ich werde eine Freundin bitten, auf ihn aufzupassen und seine Verbände zu wechseln, während wir nach Phoenixstein reiten.“
„Wohnt deine Freundin in der Nähe?“
„Soass wohnt unweit von hier. Ich gehe kurz zu ihr und komme gleich wieder. Pass derweil auf Tuson auf. Sobald die Verbände blutdurchtränkt sind, trage die Salbe auf seine Wunde auf. Du findest sie auf dem Tisch neben seinem Bett.“

Fortsetzung folgt

Titelbild: Schattenrisse, Fotorechte: Dario schrittWeise

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