Die Stadt des Lichtbringers [5]

Lyssea und Alrond erfuhren von Ysella einige Neuigkeiten aus Phoenixstein. Sie lernten Wad kennen, einen Abenteurer und Rumtreiber. Alrond erzählte seinen Freunden, wie er dem Kult des Nautilus begegnet ist. Danach betraten Alrond und Lyssea heimlich die Hütte des Kleinen Rates, um zu sehen, was darin wirklich passierte. Alrond sah im dunklen Versammlungsraum etwas Überraschendes.

Die Stadt des Lichtbringers ist der zweite Teil der Erzählung „Geschichten aus dem Blauen Nebelgebirge“.

Was bisher geschah

In der Raummitte lagen auf Holztischen sechs menschliche Gestalten. Sie waren mit weißen Tüchern bedeckt.
„Si .. sind sie tot?“, flüsterte Ysella erschrocken.
„Ich sehe nach“ Alrond hob eines der Überzüge, „nein, zumindest die Müllerin Firolla scheint zu schlafen. Aber ungewöhnlich fest.“
„Und die anderen? Ist Belon auch darunter?“, wollte Ysella wissen und deckte eine weitere Gestalt auf.
Alrond hob nach und nach alle Tücher auf. Er beugte sich hinab und legte sein Ohr auf den Brustkorb von Belon.
„Sein Herz schlägt, langsam, aber es schlägt. Sie atmen alle.“
„Deswegen wollten sie uns also von ihnen fernhalten. Die Angreifer haben sie in einen tiefen Schlaf versetzt.“
„Das erinnert mich an eine alte Geschichte aus unseren Chroniken“
„Alrond, wirklich? Denkst du, jetzt ist der richtige Augenblick für eine deiner Geschichten?“
„Doch, in diesem Fall schon. Sie handelt von der Tochter eines Königs von Phoenixstein. Die Prinzessin wurde von einem Attentäter vergiftet. Sie schlief mehrere Jahre, bis ihr ein Mann schließlich das Gegengift überreicht hatte.“
„Ich glaube, ich habe diese Geschichte auch gehört. War es nicht durch einen Kuss?“
„Das ist das Problem mit diesen mündlich überlieferten Geschichten. Sie werden mit der Zeit verfälscht und verklärt. Gut, dass wir jetzt die Schrift erfunden haben.“
„Was wir jetzt brauchen ist dieses Gegengift. Der Elixierbrauer konnte ihnen scheinbar nicht weiterhelfen.“
„Das war wie gesagt nur eine alte Überlieferung. Leider ist die Kräuterfrau Benilla auch unter den Schlafenden. Aber ich kenne jemanden, der uns helfen kann.“
Sie sahen sich weiter im Raum um. „Dort, ich habe etwas!“, Alrond hob ein Fetzen Stoff vom staubigen Boden. Es lag unscheinbar in einer Ecke.
„Denkst du, es gehört den Angreifern?“
„Wir werden es sehen. Eine andere Spur haben wir nicht.“
„Dann haben wir zwei Aufgaben, das Gegengift finden und herausfinden, wem der Stofffetzen gehört.“
„Ich würde vorschlagen, dass wir uns an dieser Stelle trennen. Würdest du bitte zur Kräuterkundigen im Nebelgebirge gehen? Ein Freund von mir kann dir den Weg zeigen. Ich werde mich gleichzeitig um die Spur kümmern.“
„Gut, ich werde die Kräuterfrau um Hilfe bitten“, antwortete Lyssea, „wir müssen die Ratsmitglieder wecken.“
Alrond trat im Halbdunkel näher an sie heran. Er sah sie einige Sekunden still an, ihre braunen Augen strahlten ihn an. Alrond lächelte zurück.
„Bitte sei vorsichtig, Lyssea, im Nebelgebirge geschehen seltsame Dinge.“
„Keine Sorge, ich kann gut auf mich aufpassen. Sei du aber auch umsichtig“. Lyssea trat näher an ihn heran. Sie berührte zart seine Hand.
„Bis bald“, hauchte sie.
Alrond lächelte: „Bis bald, Lyssea.“
Er sah sie an und verließ die Hütte durch das Fenster in der Wand der Speisekammer.

Alrond suchte zu seinem Freund Sod auf. Er wohnte unweit der Hütte des Kleinen Rates. Alrond klopfte mehrmals an die Tür. Sod öffnete verschlafen.
„Alrond, was machst du hier? Kannst du nicht schlafen? Komm bitte später wieder, ich bin zu müde. Es ist noch dunkel.“
„Nicht mehr lange. Außerdem haben wir ein Problem.“
„Welches Problem? Und wer ist wir?“, fragte ihn Sod ungeduldig. Derron, Sods Hund, kam aus dem Hintergrund und bellte Alrond zur Begrüßung an.
„Wir – du, ich, die Stadt“, erwiderte Alrond und tätschelte Derron am Rücken.
„Die Stadt?“
„Ja, der Rat wurde überfallen.“
„Überfallen? Aber warum?“
„Du stellst viele Fragen. Wir waren in der Ratshütte. Jemand hat den Mitgliedern ein Gift verabreicht. Sie sind jetzt in einer Art Dauerschlaf.“
„Im Dauerschlaf? Ich habe von Menschen gehört, die mehr als 30 Jahren geschlafen haben. Einige sind nie wieder aufgewacht. Wer kann es gewesen sein?“
„Das versuche ich gerade herausfinden. Dafür brauche ich dich, oder besser gesagt Derron.“
„Wie kann dir mein Hund helfen?“
„Neben einem der schlafenden Ratsmitglieder haben wir einen Fetzen Stoff gefunden. Wir denken, dass er einem der Angreifer gehören könnte.“
„Verstehe, und Derron soll uns helfen, der Spur zu folgen. Derron, heute ziehen wir früher um die Häuser als sonst.“
Alrond hielt ihm den Stofffetzen hin, Derron schnuffelte daran.
„Such, mein Kleiner, such den Besitzer des Stoffes.“
Der graue Hund bellte fröhlich. Aufgeregt erschnüffelte er die Gasse vor dem Eingang. Unvermittelt lief er den Berg hinauf.
„Er hat etwas entdeckt“, stellte Sod fest.
„Schnell hinterher.“

„Alrond hat dir also gesagt, dass ich dich in das Nebelgebirge begleiten soll“, wiederholte Tuson nachdenklich, als er Lyssea eine Schale Tee gebracht hatte. Er kratzte sich an seinem haarlosen Kopf. Sie saßen in Tusons Zimmer, welches er im Gasthaus „Bei der Flotten Schildmagd“ gemietet hatte.
„Er ist ein gewieftes Kerlchen“, stellte der Wagenfahrer belustigt fest.
„Heißt das, du kannst mir nicht helfen?“
„Nein, nein, ich finde es nur amüsant, dass er sich dessen so sicher war.“
„Es ist wichtig. Wir haben gerade eine Krisensituation.“
„Warum habe ich das Gefühl, dass es mit Alrond immer eine Krisensituation gibt? Er steckt seine Nase überall hin.“
„Ja, so ist es.“ Die Schreiberin lachte.
„Hmm, nun gut. Ich werde dich zu Tessia bringen. Allerdings müssen wir dafür Pferde nehmen. Mein Planwagen muss repariert werden. An der Beschädigung war übrigens ebenfalls Alrond indirekt beteiligt. Zumindest saß er im Planwagen, als es passiert ist.“
„Das hat er mir erzählt. Hoffentlich wird unser kleiner Ausflug weniger aufregend.“
„Das wäre wünschenswert“, bestätigte Tuson. Er nickte aufmunternd.
„Gut, dann machen wir es so. Wann können wir losreiten?“
„Bald, ich muss noch einige Kleinigkeiten mitnehmen. Treffen wir uns mit dem ersten Hahnenschrei am Großen Stall.“
„Gut, bis später, Tuson. Vielen Dank.“

Die ersten Lichtstrahlen zeichneten sich am Horizont ab. Alrond und Sod folgten Derron, der seinem Geruchssinn vertraute. Er blieb immer wieder stehen, um die Spur zu erschnüffeln, lief daraufhin zielsicher weiter.
Nach wenigen Minuten bringt sie Sods Hund zum Quellenheiligtum des Regengottes Rotas. Es war ein halbrundes Holzhaus mit einer mächtigen Tür aus einer glänzenden Legierung. Sie stand einen kleinen Spalt offen.
Derron blieb vor der Tür stehen. Er knurrte und bellte mehrmals.
„Wen oder was auch immer du suchst, wirst du hinter dieser Tür finden“.
„Danke euch, Sod“.
Alrond blickte durch ein Fenster, welches wie ein senkrechter Spalt in der Mauer des Heiligtums angebracht war.
„Da scheint niemand drin zu sein. Ab hier werde ich alleine weitergehen …“
„Bist du dir sicher?“
„Ja, mach dir keine Sorgen, ich werde mich nur kurz umsehen und wieder zurückkehren. Ich möchte euch nicht unnötig in Gefahr bringen.“
„In Ordnung, aber du weißt, wo du mich finden kannst, wenn du Hilfe brauchst.“
„Ja, danke.“
Sod und Derron zogen sich zurück. Derron bellte fröhlich zum Abschied, während Alrond die schwere Tür öffnete.

In der Mitte des Raumes sprudelte Wasser aus einer mehrere Meter breiten Quelle. Daraus schlängelte sich ein kleiner Fluss in eine Öffnung in der Felswand. Aus dem Wasser stieg ein warmer Nebel empor. An den Wänden waren Mosaiken mit Menschen in Rüstungen und Tiergestalten angebracht. Auf einem großen Setzbild war ein Phoenix zu sehen. Es flog über eine Stadt, die von einer hohen Mauer umgeben war.
„Guten Morgen“, begrüßte ihn Wad unschuldig.
„Wad? Du hier? Seit wann bist du uns gefolgt?“, fragte ihn Alrond vorwurfsvoll.
„Ähm, seitdem ihr die Taverne verlassen habt.“
„Du warst also auch in der Nähe, als wir beim Kleinen Rat waren?“
„Mhm, ich habe euch durch die Luke in die Hütte einsteigen sehen. Was ist das hier für ein Ort?“
„Das war eine heilige Quelle des Volkes, welches vor uns hier gelebt hat. Bevor es Phoenixstein gab.“
„Das muss lange her gewesen sein.“
„Ja, vor einigen Jahrhunderten.“
„Wonach suchst du hier?“
„Nach Spuren von Menschen, die unsere Ratsmitglieder angegriffen haben. Vermutlich haben sie sich hier aufgehalten. Ich möchte mir die Quelle genauer ansehen. Dafür werde ich Verstärkung und einige Werkzeuge benötigen.“
„Verstärkung? Das wird nicht nötig sein. Du hast mich“, prahlte Wad und sprang in die Quelle, „ich werde mir das jetzt näher ansehen.“
„Nein, Wad, warte, es ist zu gefährlich!“
„Ach, was. Sei nicht so ängstlich. Sieh zu, vielleicht kannst du sogar etwas lernen“, ließ sich Wad nicht beirren. Er zog sein Schwert, hob es mit beiden Händen in die Höhe und stocherte mit der Klinge in der Quelle herum.
„Lass das, Wad, komm wieder raus aus dem Wasser, du könntest dich verletzen.“
„Warte, ich bin auf einen Widerstand gestoßen, ich muss nur den richtigen Winkel treffen.“
„Wad!“ Alrond versuchte, ihn zu warnen, doch es war zu spät. Eine Öffnung tat sich in der Wand auf. Die Strömung des Flusses ist stärker geworden.
„Was passiert hier? Hilf mir, Alrond!“
„Mist!“ Erfuhr es Alrond, als er in das Wasser sprang.
Die Strömung zog den Unglücklichen mit sich. Wad verschwand in einem Felsspalt. Alrond schwamm ihm hinterher.
„Wad, keine Sorge!“
Der Fluss riss ihn mit sich. Alrond verlor das Gleichgewicht. Er tauchte unter.

Ende des zweiten Teils.

Die Geschichte um Alrond wird demnächst in einem 3. Teil fortgesetzt.

Titelfoto: Der Eingang zum Quellenheiligtum, Fotorechte: Dario schrittWeise

2 Kommentare zu „Die Stadt des Lichtbringers [5]

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  1. Hallo Dario,

    deine geheimnisvolle Fantasiegeschichte nimmt weiterhin ihren abenteuerlich-gefährlichen Lauf. Zwischen vielen interessenten Begegnungen und Schilderungen, sowie spannenden Momenten, finde ich besonders interessent und amüsant deine Kuss-Version. Trotz vielen spannenden Situationen, Giften und Gegengiften, leben Alrond und seine Freunde in einer wohltuend heilen, fantasievollen Welt. Bleibe gesund und vergiss nicht zu lachen. LG, Sophie Mai.

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