Im Herzen Béarns [Via Podiensis 19]

Go neiri an bothar leat“ ist ein irischer Abschiedssegen, der sinngemäß „möge der Weg mit dir steigen“ bedeutet. Der Weg möge also leicht sein, ohne Hindernisse und Steigungen. Ausgesprochen wird der Satz „Gu nyree on bow her latt„. Das haben mir drei irische Pilgerinnen beigebracht, die gemeinsam nach Santiago pilgern. Ich habe sie gebeten, mir den traditionellen Pilgerspruch „Bon Camino“ ins Irische zu übersetzen.

Dieses Jahr lernte ich wieder mehrere Pilger aus englischsprachigen Ländern kennen, während ich in den letzten Jahren viele Kanadier und Australier traf, waren dieses Jahr scheinbar irische Reisende an der Reihe. Besonderes in Erinnerung ist mir ein älteres irisches Ehepaar geblieben, dass ich am vierten Tag in der wunderschönen Pilgerherberge „Gîte de Cambarrat“ in Argagnon kennengelernt hatte.

Der Wegweiser

Etappe 3: Miramont-Sensacq – l’Escale, Larreule

  • Datum: Montag, 16.09.19
  • Entfernung: 26 Kilometer

Der Abend in der Pilgerherberge von Miramont-Sensacq war sehr gesellig und fröhlich. Auch der nächste Morgen war angenehm. Zuerst frühstückte ich mit anderen Pilgern, die noch in der Unterkunft waren, danach machte ich mich bereit, weiterzugehen.

Ich versuchte, mir morgens weiterhin Zeit zu nehmen, weil ich keine Eile hatte. Außerdem waren die Temperaturen zwar sommerlich warm, aber nicht übermäßig heiß. Deswegen bestand kein Bedarf, sehr früh aufzustehen, um nicht zu lange der Hitze ausgesetzt zu werden. Darin lag der Vorteil, wenn man im September unterwegs ist. Meine nächste Unterkunft reservierte ich in Frankreich immer einen Tag in Voraus und somit hatte ich auch keinen Stress mit der Suche.

Die Kapelle von Sensacq und Pimbo

Die erste besondere Station auf dem Weg war die Kapelle von Sensacq, die mit einem Friedhof umgeben ist. Sie stammt vom Anfang des 11. Jahrhunderts und hat eine Glocke aus dem 17. Jahrhundert die in einer Glockenarkade mit zwei Fenstern hängt. Ich hätte auch eine Abkürzung nehmen können, dann hätte ich aber die hübsche romanische Kapelle verpasst.

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Der nächste Ort war Pimbo, wo einige Pilger vor einer Gîte saßen, die auch Getränke und kleine Snacks angeboten hat. Auch Ann aus Holland saß hier und fragte mich, ob ich mich dazusetzen möchte. Ich wollte allerdings noch keine Pause machen, weil ich vor ungefähr einer halben Stunde Pause an der Kapelle gemacht hatte. Die Gründung des Ortes soll auf Karl den Großen (748 – 814) zurückgehen, der 778 hier eine Benediktinerabtei gründete, als er auf dem Rückweg von einem Feldzug in Spanien auf dieser Stelle Halt machte. Im Jahr 1569 wurde die Abtei während der Hugenottenkriege zerstört. Interessant fand ich auch die romanische Stiftskirche Saint-Barthéley aus dem 12. Jahrhundert. Nachdem ich mich im Dörfchen umgesehen hatte, lief ich weiter.

Der Tag war wieder sehr warm und der Jakobsweg verlief leider häufig über asphaltierte Straßen, oder schnurstracks durch langweilige Anbaugebiete. Auch solche Tage und Wegführungen gibt es auf dem Pilgerweg nach Santiago. Interessant fand ich kleine und mysteriöse Kreidetafeln mit philosophischen Gedanken. Sie sind mit dem Namen „L‘ Alchemist“ unterschrieben. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, wer dieser „Alchemist“ ist.

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Arzacq-Arraziguet

Im Laufe des Tages verließ ich die historische französische Provinz Landes und kam in das Béarn, die benachbarte Provinz unterhalb der Pyrenäen. Gemeinsam mit dem französischen Baskenland bildet es das Département Pyrénées-Atlantiques. Hier werden zwei Sprachen gesprochen, das Gaskognische und das Baskische.

Nach der Region Béarn ist auch die berühmte Sauce bérnaise benannt. Die Entstehungsgeschichte der weißen Sauce hat jedoch nur indirekt etwas mit dem Béarn zu tun. Sie wurde im 19. Jahrhundert von einem Koch aus Béarn bei Paris erfunden.

Immer wieder lief ich an Obstbäumen vorbei, die „Les Amis de Chemin de Saint Jacques“ für die Pilger angepflanzt hatten. Die „Freunde des Jakobsweges“ sind eine Jakobsweg-Organisation, die sich um die Jakobswege und einige Pilgerunterkünfte kümmert. Es gab aber auch viele andere Früchte, die frei wuchsen und, die ich gerne aß.

Gegen Mittag erreichte ich Arzacq-Arraziguet, ein Städtchen, das im 13. Jahrhundert von Engländern gegründet wurde. Das Markanteste an der Stadt ist sein arkadenumsäumter Marktplatz „Place de la République“, der jedoch während meines Besuches wie ausgestorben aussah. Nur einige vereinzelte Pilger störten die Mittagsruhe. Auf dem Marktplatz erklärte mir eine Frau, wo ich ein offenes Restaurant finden würde, wo ich auch Fredrik und Ida aus Norwegen traf, die ich tags zuvor in Miramont-Sensacq kennengelernt hatte. Wir aßen zusammen und hatten Gelegenheit, uns besser kennenzulernen.

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Als ich Arzacq-Arraziguet verlassen wollte, traf ich bei der sehenswerten Kirche Saint-Pierre Ann aus den Niederlanden, die in diesem Ort geblieben ist, um hier zu übernachten. Wir verabschiedeten uns, weil wir vermuteten, dass wir uns nicht mehr sehen werden. So kam es dann auch.

Kurz nach dem ich aus der Stadt ging, entdeckte ich eine amüsante Zeichnung mit „streikenden“ Pilgerfüßen. Auf diese Weise wollte der Zeichner daran erinnern, dass man auf seine Füße achten sollte, wenn man so lange unterwegs ist. Die „streikenden“ Füße erinnerten mich an mein Abenteuer in Paris bei der Anreise, als die Mitarbeiter der Pariser Metro gestreikt hatten. Die Franzosen haben eben ein besonderes Verhältnis zum Thema „Streik“.

Übernachtung in Larreule

Am Stausee traf ich ein deutsches Paar aus Thüringen beim Picknicken. Ich begegnete den beiden später einige Male. Sie pilgerten in einer Deluxeversion mit Hotelübernachtungen und Autoabholung. Ein wenig schienen sie damit zu hadern, weil sie sich nicht sicher waren, ob das noch „Pilgern“ war. Ich habe auch darüber nachgedacht, aber muss man sich unbedingt quälen oder absolut asketisch leben, um als „wahrer Pilger“ zu gelten? Wer ist denn heutzutage schon ein „wahrer Pilger“?

Nach zwölf weiteren Kilometern erreichte ich Larreule. Im Ort wurde im späten 10. Jahrhundert ein Benediktinerkloster gegründet, das lange zu den wichtigsten Klöstern von Béarn gehörte. 1773 verließen die letzten Mönche das Kloster. Heute sind nur die Überreste der Klosterkirche Saint-Pierre und der ehemalige Klosterbrunnen Saint-Loup zu sehen. Der Brunnen, der sich direkt am Ortseingang befindet soll Geschwüre heilen.

Am Ortsausgang kam ich schließlich zu meiner Unterkunft, die ich tags zuvor reserviert hatte. Hier haben die Pilger ein Swimmingpool zur Verfügung, was ich natürlich ausgenutzt hatte. Auch ein wenig Luxus. Das Abendessen war vorzüglich und ich unterhielt mich danach noch mit dem norwegischen Ehepaar, Jean-Pierre und einigen anderen Pilgern.

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Etappe 4: Larreule – Argagnon: Gite de Cambarrat

  • Datum: Di, 17.09.19
  • Entfernung: 25 Kilometer

Der nächste Tag war wieder sonnig und warm, ich lief entspannt los. Kurz nach Larreule sah ich eine schöne Pilgerraststätte mit künstlerisch zusammengestellten Details. Zwei Hängematten und ein Regal mit sorgsam angeordneten Gegenständen luden zum Verweilen ein.

Später sah ich wieder die lieb gewonnene Motivationssprüche wie „Baue Brücken“, die jemand passend an eine Brücke geschrieben hat. Im kleinen Ort Castillon stellte jemand kleine Pilgerfiguren her und die kleine Kirche ist ebenfalls sehenswert. Ein Hund lag am Ortseingang faul auf der Straße, was mich an die Redewendung erinnerte: „Hier liegt der Hund begraben.“ So war es auch, weil der Ort wie verlassen wirkte.

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In Arthez-de-Béarn

Kurz vor Arthez-de-Béarn besichtigte ich die romanische Kapelle Caubin, die zu einem Hospiz gehörte, welches 1569 von den Hugenotten komplett zerstört wurde. Die Kapelle stammt aus dem 12. Jahrhundert und beherbergt in einem außergewöhnlichen Wandnischengrab die Steinfigur eines liegenden Ritters. Die im Hugenottenkrieg beschädigte Kapelle wurde im Jahr 1966 von den Amis de Caubin restauriert.

In Arthez-de-Béarn machte ich in einer Bar Pause, hier dauert es länger bis ich bedient wurde. Nach einiger Zeit kamen mehrere Pilger vorbei, zu mir setzten sich die beiden Pilger aus Thüringen, die ich gestern unterwegs kennengelernt hatte.

Die Stadt entwickelte sich um ein Augustiner-Kloster und eine Johanniter-Niederlassung, die sich um die Pilger kümmerte. Heute ist davon nur die Chapelle de Caubin übrig geblieben.

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Gîte de Cambarrat in Argagnon

Der Höhepunkt des Tages war die Herberge in Argagnon, Gîte de Cambarrat. Hier lernte ich auch einige sehr nette Pilger kennen, wie das irische Ehepaar Margareth und John, die dänische Pilgerin Hilda, auch Jean-Pierre war wieder dabei. Dann waren da auch Mutter und Sohn aus Frankreich, die nur kleine Etappen gemacht hatten, weshalb ich sie nur an dem Abend getroffen hatte. Mit Margareth und John unterhielt ich mich eine Weile, sie erzählten mir gerne Geschichten über ihr Land und ihre besondere keltische Sprache.

Der Besitzer der Unterkunft war sehr freundlich zu uns. Am Abend spielte er uns virtuos Musik auf seinem Banjo vor, die Besonderheit war die europäische Hymne. In einem Schrank konnten wir Kleinigkeiten kaufen, seine Frau stellt hübsche Tücher und kleine Taschen her, die sie auch verkaufen. Sein Hof gefiel mir sehr und ich fühlte mich dort pudelwohl. Die Unterkunft wird einen besonderen Platz in meiner Erinnerung haben.

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Titelfoto: "Pilgerherberge "Gîte de Cambarrat" in Argagnon", Foto: Dario schrittWeise
Engel, Helmut: "Frankreich: Jakobsweg. Via Podiensis, von Le Puy-en-Velay nach Saint-Jean-Pied-de-Port", Welver, S. 208 - 218

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