Der Marionettenspieler aus Montréal du Gers [Via Podiensis 16]

Der rote Vorhang teilte sich und die Marionetten betraten die kleine Bühne. Ihre handtellergroßen Köpfe bewegten sich hin und her. Sie sprachen miteinander, lachten und sangen fröhlich. Der Marionettenspieler verlieh jeder der Pappmaché-Figuren eine eigene Stimme. Eine der bunten Puppen war D’Artagnan und die andere ein Pilger, der schon lange unterwegs war und eine Unterkunft benötigte. D’Artagnan half seinem Gesprächspartner bei der Suche. Die spontane Vorstellung improvisierte der Marionettenspieler für uns, seine wenigen Gäste. Danach gewährte uns unser Gastgeber einen Blick hinter den Kulissen, wo er seine größtenteils selbstgemachten Marionetten aufbewahrte.

Der Wegweiser

23. Castelnau-sur-Auvignon – Montréal du Gers

  • Datum: Freitag, 07.09.18
  • Entfernung: 25 Kilometer

Der nächste Morgen in Castelnau-sur-Auvignon war bewölkt, verregnet und verhieß wenig Gutes. Ich packte meine Sachen und holte meine Wanderkleidung, die über Nacht im Eingangsbereich der Unterkunft trocknete. Danach setzte ich mich zu den anderen Pilgern an den Frühstückstisch.

Denkmal in Castelnau-sur-Auvignon

Nachdem ich mich von den sehr netten Gastgebern verabschiedete, lief ich zunächst in die Dorfmitte, zum Denkmal, das an die regionalen Geschehnisse im Zweiten Weltkrieg erinnert. Im Dorf kam es zu heftigen Kämpfen zwischen der Résistance und der Wehrmacht. Ein Turm der mittelalterlichen Burg wurde zerstört, weil sich darin Sprengstoff befand. Die deutschen Besatzer brannten nach den Kämpfen das Dorf nieder. Mit traurigen Gedanken an diese Ereignisse setzte ich meinen Weg fort und überquerte den Bach Auvignon.

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In Condom

Auf dem Weg nach Condom traf ich wieder die freundliche Pilgerin, die ich letztes Jahr kennengelernt hatte. Ich schloss mich ihr und ihren Freundinnen bis zum nächsten Ort Condom an. Wie es sich später herausstellte, regnete es nur kurz auf der Strecke nach Condom. Meine Sorgen waren also unbegründet.

Der Name der Kleinstadt mit 7000 Einwohnern, in der bereits Römer siedelten, sorgt aus naheliegenden Gründen oft für Lacher, hat jedoch nichts mit dem namensverwandten Gebrauchsgegenstand zu tun. Der Ursprung des Stadtnamens „Condom“ wurde noch nicht vollständig geklärt, zwei Erklärungen werden als am wahrscheinlichsten betrachtet. Vermutlich stammt der Name entweder vom keltischen „condate dun“, Stadt am Zusammenfluss, oder vom lateinischen „cum-dominium“ – geteiltes Herrschaftsgebiet, ab. Heute sind die wichtigsten Einnahmequellen der Bewohner der Handel und der Tourismus. Außerdem liegt Condom im Anbaugebiet von Armagnac. Der französische Weinbrand ist nach der berühmten Region Armagnac benannt.

Die spätgotische Kathedrale Saint-Pierre gehört zur gleichnamigen Benediktinerabtei, die 1011 entstand und im 14. Jahrhundert zum Bischofssitz wurde. Zu diesem Zeitpunkt begann auch der Bau der Kathedrale. Saint-Pierre ist die letzte erhaltene Kirche, die im Languedoc-Stil errichtet wurde. Ich nahm mir Zeit, um mir die Kirche im Inneren anzusehen.

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Bei den vier Musketieren

Auf die lebensgroßen Statuen der vier Musketiere in Condom habe ich mich schon länger gefreut. Dem einen oder dem anderen Besucher meines Blogs werden sie vermutlich bekannt vorkommen, weil ich ein Foto des Denkmals bereits im letzten Beitrag als Titelfoto verwendet hatte. Die Skulptur mit den Musketieren d’Artagnan, Aramis, Porthos und Athos wurde vor der Kathedrale aufgestellt.

Meine Mitpilgerinnen reservierten im Ort Zimmer, deswegen tranken wir noch einen Abschiedskaffee gemeinsam, weil ich noch einen längeren Weg vor mir hatte.

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Condom verbindet zudem der Wanderweg „GRP Coeur de Gascogne“ genau wie die Stadt Lectoure mit der Via Tolosana, dem dritten der insgesamt vier Hauptrouten des Jakobswegs durch Frankreich. Via Tolosana hatte den Namen nach der Stadt Toulouse bekommen, durch die sie verläuft. Ich reservierte einen Flug von Toulouse nach Nürnberg und organisierte bereits eine Mitfahrgelegenheit von Nogaro nach Toulouse.

Laressingle

Neben dem Musketierdenkmal in Condom gehörte auch das kleine befestigte Dorf Laressingle zu den Höhepunkten des Tages. Der von einem Mauerring umgebene Ort aus dem 13. Jahrhundert liegt ein wenig abseits der Hauptroute, der Abstecher lohnte sich. Über eine Brücke gelangte ich in das Innere des Dorfes.

Hier traf ich wieder Armond, den Zahnarzt, einen der vier ehemaligen Kommilitonen, der mit seinem Fahrrad unterwegs war. Er sollte für die anderen Fotos machen, weil sie selber den Umweg scheuten.

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Die Brücke von Lartigue

Einige Kilometer nach Laressingle überquerte ich die Brücke von Lartigue oder d’Artigues, die als ein Teil der Via Podiensis 1998 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. Die romanische Brücke wurde im 12. oder 13. Jahrhundert speziell für Pilger errichtet.

Die spätsommerliche Sonne machte mir zu schaffen. Ich machte in einer kleinen Kirche de Routgès auf einem Hügel zwischen den Weinbergen Pause. Nach der Erholung konnte ich mit gesammelten Kräften weitergehen.

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Montréal du Gers

Meine Unterkunft befand sich in der Nähe des Städtchens Montréal du Gers. Im Ort gefiel mir der Hauptmarkt mit seinen Arkaden und bunten Häusern am meisten. Die Arkaden auf dem Marktplatz erinnern daran, dass die 1255 gegründete Stadt 1289 zu einer typischen Bastide der Gascogne erweitert wurde. Bastiden waren im Mittelalter stark befestige Städte oder Dörfer mit einer rechtwinklig angeordneten Wegen und einem zentralen Markt, der sich inmitten von Häusern mit Arkaden befand. Neben dem Hauptmarkt befindet sich die gotische Kirche aus dem 13. Jahrhundert, die im 17. Jahrhundert zuletzt umgestaltet wurde.

An den römischen Ursprung von Montréal du Gers erinnert auch das zwei Kilometer entfernte Dorf Séviac, in dem 1995 Paulette Aragon-Launet eine alte gallo-römische Villa entdeckt hatte. Darin wohnte vom 4. bis zum 5. Jahrhundert nach Christus eine reiche Adelsfamilie. Die Ausgrabungen dauern noch an. Leider schaffte ich es nicht mehr rechtzeitig, weil die Öffnungszeiten wieder nicht sehr pilgerfreundlich waren. Im Touristenbüro konnte ich einige Funde aus der Villa sehen.

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Auf dem Campingplatz „Le Couloume“

Nach ungefähr 30 Minuten erreichte ich meine Unterkunft auf dem Campingplatz „Le Couloume“, die ich im Grunde zufällig ausgewählt hatte. Meine anderen Favoriten waren schon ausgebucht und die Wahl fiel dann auf „Le Couloume“. Die Wahl war ein Glücksgriff. Ich habe mich gefreut, weil ich in einem Wohnwagen übernachtete und später noch eine Überraschung erlebte. Die vier Freunde waren wieder da. Wir hatten tatsächlich oft die gleichen Unterkünfte.

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Marionettentheater

Wie es sich später am Abend herausstellte ist der Betreiber des Campingplatzes ein berühmter Marionettenspieler und -bauer, der vor vielen Jahren aus den Niederlanden in die Gegend übersiedelte und hier das Marionettentheater „Rire de Gascogne“, das „Lachen der Gascogne“, gründete. Armond bat ihn, uns seine Puppen zu zeigen und für uns ein Stück zu spielen.

Unser Gastgeber zeigte uns seine Puppensammlung, die er größtenteils selbst erstellt hatte. Er erzählte uns auch über Meisterschaften der Marionettenspieler, an denen er teilgenommen und von welchen er einige gewonnen hatte.

Der Höhepunkt des Abends war die Vorstellung des Marionettenspielers, der für uns ein kleines Stück mit wenigen Figuren improvisierte, unter anderem mit d’Artagnan und einem Pilger. Es war etwas Besonderes, im Rahmen meiner Pilgerschaft ein Theaterstück mit Marionetten zu sehen.

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24. Montréal du Gers – Peyret

  • Datum: Samstag, 08.09.18
  • Entfernung: 24 Kilometer

Die vorletzte Etappe meines diesjährigen Jakobsweges begann mit einem französischen Frühstück der klassischen Art: Weißbrot, Marmelade, Honig, Butter und Kaffee. Die Nacht war leider etwas kurz, weil mich die ungewohnten Geräusche der Nacht zuerst ein wenig wach gehalten hatten. Die ersten Kilometer lief ich entlang der Straße, um wieder zurück auf den Jakobsweg zu kommen. Zuerst dachte ich, ich hätte mich verirrt, weil länger kein Zeichen erschienen ist, nach etwa 20 Minuten kreuzte aber ein Weg die Straße und es war tatsächlich der GR 65.

Etwas später, bei einem Weinberg, traf ich die Pilger Lennart und Pierre, die ebenfalls alleine unterwegs waren. Gemeinsam gingen wir bis zum Weiler Lamothe, in dem die Besitzer einer Herberge eine Art Kiosk für vorbeilaufende Wanderer, in erster Linie Pilger, öffneten.

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Eauze

In Eauze fragte ich im Touristenbüro nach, ob sie mir für den nächsten Tag in Nogaro in der städtischen Pilgerherberge eine Duschgelegenheit organisieren konnten. Dort habe ich eine ich eine Mitfahrgelegenheit nach Toulouse organisiert. Für den letzten Tag habe ich eine kurze Etappe geplant, davor wollte ich duschen und mich umziehen. Die Touristeninformation befindet sich in einem Gebäude aus dem 15. Jahrhundert. Der Marktplatz ist umgeben von ähnlichen Gebäuden mit Fachwerk sowie Säulen und Schnitzereien aus Holz. Am Markt wurde im 15. Jahrhundert die Kathedrale Saint-Luperc im Languedoc-Stil aus der Bausubstanz von gallo-römischen Ruinen gebaut.

Die Gegend ist bekannt für Stierkämpfe. Im Jahr 1982 wurde im Ort die Stierkampfarena Nimeno II mit 4000 Sitzplätzen errichtet in der noch heute unblutige Stierkämpfe, die sogenannten Course Landaise, stattfinden.

In der Woche schien in Eauze ein Fest stattgefunden zu sein, denn überall hingen kleine Wipfel. In einem Café traf ich die vier Freunde wieder. Wir aßen gemeinsam zu Mittag, sie waren fast schon fertig als ich mich zu ihnen setzte.

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Unterkunft „La Hargue“ in Peyret

Am Nachmittag erreichte ich die Unterkunft „La Hargue“ in Peyret. Die Tagesetappe war sehr leicht und entspannt, ohne besondere Höhepunkte, aber auch solche Tage finde ich angenehm, weil ich dann Zeit zum Nachdenken habe.

Am Eingangstor zur Pilgerherberge stand geschrieben: „mein kleines Paradies“. Hier wurde nicht zu viel versprochen, denn die Herberge wirkte wie ein Paradies. Ein liebevoll gepflegter Garten umgibt das Anwesen und ein langes Schwimmbecken lädt zum Baden ein. Die Pilger schliefen im Obergeschoss des Gästehauses in kleinen, mit Vorhängen voneinander abgetrennten Bereichen, so dass jeder seine Privatsphäre hatte.

Da ich keine Badehose dabei hatte, fragte ich den Gastgeber, ob er mir eine leihen könnte. Er war so freundlich und tat es. Ich drehte einige Bahnen, bleib aber nicht lange im Wasser, weil es frisch war.

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Quellen

Titelfoto: "Beim Marionettenspieler"
Engel, Helmut: "Frankreich: Jakobsweg. Via Podiensis, von Le Puy-en-Velay nach Saint-Jean-Pied-de-Port", Welver, S. 175 - 190

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