Im Nebel nach St. Chély [Via Podiensis 5]

Im dichten Nebel suchten zwei Pilger den richtigen Weg. Sie trugen Lederkleidung, die sie vor Wind und Wetter schützen sollte. Sie stützten sich an einem Wanderstab. Einer der beiden trank etwas Wasser aus seiner Kalebasse. Eine Glocke in der Ferne wies ihnen den Weg. Sie liefen weiter und folgten dem Glockengeläut. Plötzlich hörten sie Pferdegetrappel. Zwei Reiter umzingelten sie. Dann drei, vier, fünf. Es gab keinen Ausweg. Sie hörten bereits Geschichten von Wegelagerern und Halsabschneidern, die Pilger überfallen und ausgeraubt haben. Sie hofften, davon verschont zu bleiben. Jetzt verloren sie jede Hoffnung. Ein Reiter stieg von seinem Pferd ab. Plötzlich hörten sie weitere Reiter. Die erschrockenen Pilger erkannten erleichtert die markanten Kreuzwappen, die die Reiter auf ihrer Rüstung trugen. Es waren die Mönchsritter des Hospitalierordens. Sie vertrieben die Angreifer. Einige der Ordensritter verfolgten sie im Wald.


Derartige Geschichten ereigneten sich in den Anfangsjahren der Pilgerbewegung nach Santiago de Compostela sehr häufig. Nicht immer gingen die Pilger so glimpflich davon, wie in der von mir erfundenen Szene. Banden und Kleinkriminelle bedrohten sie. Aus diesem Grund erichteten die Ritterorden wie Johanniter, Templer und Hospitalier entlang der Pilgerwege Stützpunkte zum Schutz der Jakobspilger.

Wegweiser

6. Etappe: Nasbinals – L’Estrade

  • Datum: 09.09.2017
  • Entfernung: ca. 24 Kilometer
  • Besondere Ereignisse: starker Regen und Nebel am Vormittag, die Städte Aubrac und Saint-Chély-d’Aubrac, berühmte Pilgerbrücke

In Nasbinals erreichte ich die Hälfte meiner geplanten Strecke nach Conques. Die ersten Tage waren von den Anforderungen her anspruchsvoller, dafür war das Wetter besser als in der zweiten Hälfte.

Regenmorgen in Nasbinals

Die Tagesetappe zwischen Nasbinals und L’Estrade musste ich im Regen beginnen. Die Pilger um mich zogen ihre Regenkleidung an. Einige waren besser, die anderen schlechter ausgerüstet. Ich erinnere mich an einen jungen Franzosen, der nur ein provisorisches Poncho und Turnschuhe trug. Die ungeschützten Stellen versuchte er mit Plastiktüten zu bedecken. Er tat mir auch leid, weil er am Vorabend noch von seinen vielen Blasen klagte.

Verregneter Morgen in Nasbinals (Fotorechte: schrittWeise)

Auch das kanadische Ehepaar John und Kim waren da. Sie liefen mit einfachen, durchsichtigen Regenmänteln mit Kapuzen los. Mich nervte der Regen anfangs, auch weil mich an den denkwürdigen Regentag im Juni erinnert habe. Dieses Mal lernte ich dazu und nahm eine Regenhose mit.

Unterwegs nach Aubrac

Der Regen entpuppte sich weniger schlimm als anfangs befürchtet. Bald wurde aus einem vermeintlich tristen Morgen ein trotz Regen mystisch anmutender Tag getaucht in einen märchenhaften Nebel.

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Bildergalerie: Manuelle Navigation mit Pausen- und Pfeiltasten

Die ersten Kilometer führten bergauf, zunächst durch einen Laubwald, dann über Wiesen und Kuhweiden. Pilger und Wanderer mit Pferden, Hunden oder Fahrrädern müssen einen Umweg in Kauf nehmen, weil der Pfad über Weiden mit Kuhherden verläuft. Auch zwei Sennhütten säumen den Weg, die Hütten Pascalet und Ginestouse Bas.

Nach ungefähr 7 Kilometern erreichte ich den höchsten Punkt der Via Podiensis. Dieser befindet sich auf 1368 Höhenmetern über dem Meeresspiegel. Dies war auch der bisher höchste Punkt auf meinem Jakobsweg, weil ich entlang des Rheins die höher gelegenen Regionen der Schweiz umgangen habe. Obwohl ich vorher wusste, dass der höchste Punkt auf dem Weg liegt, konnte ich nicht erkennen, wo sich dieser genau befindet. Ich sah keine Markierung oder einen Hinweisschild.

Schatten im Nebel

Wie ein Geist tauchte im Nebel vor mir eine weiße Gestalt auf. Die Erscheinung bewegte sich nicht, sie schien auf jemand oder etwas zu warten. Ich stellte mir vor, wie überraschend oder unheimlich diese auf manche Menschen wirken könnte.

Erscheinung im Nebel (Fotorechte: schrittWeise)

Ich erkannte bald, dass es sich um eine Marienstatue handelte. Ein amerikanisches Ehepaar kam ebenfalls vorbei. Der Mann bemerkte trefflich, dass die Statue fast frühchristlich auf ihn wirke. Die Statue befand sich auf einem aus kleineren Steinen geschichtetem Podest. Pilger und Anwohner ließen hier nach ihren Gebeten viele Andenken, wie Kreuze und Rosenkränze. Die Marienstatue scheint auf die Ortschaft Aubrac zu blicken und in ihre Gebete aufzunehmen.

Marienstatue bei Aubrac (Fotorechte: schrittWeise)

Beeindruckendes Aubrac

Ein starkes Gefühl erfüllte mich, als ich von der Marienstatue weiter nach Aubrac lief. Aubrac ist ein kleines Städtchen im gleichnamigen französischen Gebiet. Hier überschreitet der Wanderer die Grenze zwischen den Regionen Languedoc-Roussillon und Midi-Pyrénées. Auf dem Weg nach Aubrac kam ich an einer interessanten Skulptur vorbei, die wie ein großes Nadelöhr den Blick auf die Ortschaft lenkt.

Statue bei Aubrac (Fotorechte: schrittWeise)

Im Jahr 1120 gründete der flandrische Graf Adalard im Städtchen Aubrac ein Kloster und das Hospiz Notre-Dame-des-Pauvres. Er entschloss sich dazu, nachdem er nach seiner Pilgerreise in der Gegend von einer Räuberbande fast getötet wurde. Das Kloster hieß „Domerie d’Aubrac“, weil der Abt „Dom“ (lat. „Herr“) hieß. Die Mönchsritter der Hospitalier betreuten darin Kranke, Arme und Pilger.[1]

Turm
Kirche Notre-Dame-des-Pauvres mit dem Turm (Fotorechte: schrittWeise)

Auch ein Blick in das Innere der schlichten Kirche Notre-Dame-des-Pauvres lohnt sich. Die romanische Kirche hat zwei Meter dicke Steinmauern und wirkt eher düster. Sie gehört zu den wenigen Resten des Klosters, die bis heute erhalten sind. Im 17. Jahrhundert vernichtete ein Brand die Großteile der Anlage und die Französische Revolution vernichtete weitere Teile.

Dicke Mauern sicherten auch die Klosteranlage. Die Pilger betraten Aubrac durch das „Tor der Brotlaibe“. Den Namen erhielt das Tor, weil an einigen Tagen im Hospiz bis zu 5000 Brote verteilt wurden.[2]

 

Im Kircheninneren
Das Kircheninnere (Fotorechte: schrittWeise)

Neben der Kirche sind auch das Forsthaus sowie der mächtige Turm, der „Tour des Anglais“, aus dem Jahr 1353 erhalten geblieben. Im Viereckturm ist die Nebelglocke „Maria“ befestigt. Sie trägt auch den Namen „Glocke der Verlorenen“ und wies noch im Mittelalter den Pilgern mit ihrem Klang den Weg. Insbesondere bei Nebel, Regen und Schneestürmen konnte so mancher Reisende den Weg nach Aubrac wiederfinden.[3]

Ich trocknete und stärkte mich in Aubrac in einem Café. Wie so oft auf dem Jakobsweg, traf ich hier bekannte Gesichter: unter anderem den Anwalt Paul aus New York und die beiden Pilgerinnen aus Polen, Martha und Kasia, die sich von ihren Reisestrapazen der letzten Tage erholt haben. Paul erzählte uns, dass eine Großmutter von ihm ebenfalls aus Polen stamme. Somit ist er ein echter Weltbürger: er hat polnische, deutsche und ukrainische Wurzeln und er selbst ist ein jüdischer US-Amerikaner.

Außerhalb von Aubrac
Blick auf Aubrac (Fotorechte: schrittWeise)

Auch am Nachmittag blieb das Wetter durchwachsen, aber der Nebel verlieh der ohnehin märchenhaft wirkender Natur weiteren mystischen Glanz. Die ersten Kilometer lief ich noch mit dem US-amerikanischen Ehepaar zusammen, das ich an der Marienstatue kurz vor Aubrac kennenlernte. Sie lebten einige Jahre als Lehrer in Belgien und kamen immer wieder nach Europa zurück.

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Via Podiensis läuft zwischen Aubrac und Saint-Chély-d’Aubrac über Weiden und an einigen Gehöften und Sennhütten vorbei.

Vulkanschlot von Belvezet
Vulkanschlot von Belvezet (Fotorechte: schrittWeise)

Im Weiler Belvezet ist ein ehemaliger Vulkanschlot zu sehen, hier stand bis zum 13. Jahrhundert das Schloss der Herren von Belvezet. Heute ist davon nur noch eine Ruine übrig. In Belvezet kann der Wanderer auch ein altes Steinhaus bewundern.

Alte Bauernhäuser
Bauernhof in Belvezet (Fotorechte: schrittWeise)

Ein wenig später sah ich an einem Baum eine Tafel mit dem Spruch „Das Leben ist nicht kompliziert, es sind wir, die es kompliziert machen.“ Obwohl die Tafel als eine selbstgemachte Werbung für eine Herberge gedacht ist, fand ich den Spruch interessant und ich habe noch eine Weile darüber nachgedacht.

Das Leben ist nicht kompliziert
„Das Leben ist nicht kompliziert, es sind wir, die es kompliziert machen.“ Autor unbekannt (Fotorechte: schrittWeise)

Saint-Chély-d’Aubrac mit der Pilgerbrücke

Eine Stunde später kam ich durchnässt im Ort Saint-Chély-d’Aubrac an. Der Ortsname stammt von einem Benediktinerkloster aus dem 11. Jahrhundert, das dem Heiligen Eligius geweiht war.

Blick auf Saint-Chély-d’Aubrac (Fotorechte: schrittWeise)

Die meisten Pilger, die ich kennengelernt habe, übernachteten in Saint-Chély. Ich fand leider im Ort keinen Platz mehr, dafür entdeckte ich im Reiseführer von Helmut Engel eine Pilgerherberge in L’Estrade, die laut dem Autor von vielen Pilgern empfohlen wurde. Zum Glück konnte ich am Vortag einen Schlafplatz reservieren.

Die Gässchen von St. Chély (Fotorechte: schrittWeise)

In St. Chély traf ich zwei Pilger, die sich  über eine Übernachtungsmöglichkeit unterhielten. Sie versuchten spontan am Abend eine Unterkunft zu finden und mussten feststellen, dass im Ort alle Herbergen ausgebucht waren. Nur im teuren Hotel fragten sie noch nicht. Ich empfahl ihnen meine Herberge und gab ihnen die Nummer. Da ich noch 7 Kilometer laufen musste und es schon recht spät war, verabschiedete ich mich von ihnen, ohne zu wissen, wie sie sich entschieden. Zudem wollten sie noch ein wenig im Ort bleiben.

Ortsausgang von St.Chély (Fotorechte: schrittWeise)

Am Ortsausgang von Saint-Chély-d’Aubrac befindet sich die bemerkenswerte Pilgerbrücke über das Flüsschen Boralde. Die ursprüngliche Brücke wurde, wie auch der ganze Ort, von marodierenden Räuberbanden im 14. Jahrhundert zerstört. Die heutige Brücke aus Kalksandstein entstand im 16. Jahrhundert. Sie gilt als ein wichtiger Teil des Jakobsweges und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe, worauf auch eine Tafel neben der Brücke verweist.

Erklärtafel: die Pilgerbrücke gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe (Fotorechte: schrittWeise)

Auf der Pilgerbrücke befindet sich ein Doppelkreuz mit dem Abbild des Christus auf der Frontseite und mit einer Marienfigur mit dem Jesuskind auf der Rückseite. Im Schaft des Brückenkreuzes ist die Figur eines betenden Pilgers eingelassen.[4]

Doppelkreuz (Fotorechte: schrittWeise)

Nach dem Überqueren der Boralde steigt der Weg wieder ein wenig an, dafür bietet sich ein schöner Anblick über die Ortschaft mit der Pilgerbrücke.

Pilgerbrücke über der Boralde (Fotorechte: schrittWeise)

Das Wetter verbesserte sich am späten Nachmittag und ich konnte die weite Sicht ohne Nebel genießen. An dem Tag wäre ich gerne in Saint-Chély geblieben, es fiel mir anfangs schwer, mich noch einmal für die letzten Kilometer zu motivieren. Die frische Luft und die schöne Landschaft weckten aber bald neue Kräfte in mir.

Klare Sicht am späten Nachmittag (Fotorechte: schrittWeise)

Pilgerherberge in L’Estrade

In dieser Gegend durchquert der Pilgerweg bereits das Tal des Lot und benutzt teilweise wieder die Streckenführung der alten römischen Strasse, Voie Bolène, über die in meinen früheren Pilgerbeiträgen bereits die Rede war, z.B. im Beitrag „Cäsar, Lamas und Chomelix“.

Hinweisschild auf dem Weg (Fotorechte: schrittWeise)

Nach mehr als einer Stunde gelangte ich an das Ziel meiner Tagesetappe, die Pilgerherberge in L’Estrade. Hier traf ich erneut einige der bekannten Pilger. Auch die beiden Pilger, die in Saint-Chély-d’Aubrac eine Schlafstätte gesucht haben, waren hier. Die Pilgerunterkunft in L’Estrade mag vielleicht weniger bekannt sein als die anderen in der Gegend, ich finde aber die Gastgeber und die Ausstattung hervorragend und sehr empfehlenswert.

Pilgerherberge in LEstrade
Pilgerherberge in L’Estrade (Fotorechte: schrittWeise)

Wichtige Orte auf dem Weg

  • Chambouliés (3 Kilometer)
  • Höchster Punkt der Via Podiensis 1368 m (4 Kilometer)
  • Aubrac (2 Kilometer)
  • Belvezet (4 Kilometer)
  • Vayassière (2 Kilometer)
  • Saint-Chély-d’Aubrac (1,5 Kilometer)
  • Les Gambrassats (4 Kilometer)
  • L’Estrade (3 Kilometer)

Quellenangaben

[1] Engel, Helmut: "Frankreich: Jakobsweg. Via Podiensis, von Le Puy-en-Velay nach Saint-Jean-Pied-de-Port", Welver, S. 67
[2] Forst, Bettina: "Französischer Jakobsweg. Via Podiensis von Le Puy-en-Velay bis zu den Pyrenäen", München, S. 57
[3] Forst, S. 57
[4] Engel, S. 70

4 Kommentare zu „Im Nebel nach St. Chély [Via Podiensis 5]

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  1. Danke für die Beschreibung und das Teilen der Impressionen dieses Teilabschnittes. Vor einigen Jahrhunderten war der Pilgerweg anscheinend eine weit größere Herausforderung als heutzutage. Gut das es dann die Ritter gab. Die Glocke der Verlorenen weist aber darauf hin, dass das Wetter auch damals schon so war wie an dem Tag an dem du gewandert bist. Letztlich braucht es mal wieder die komplizierte französische Sprache, um uns daran zu erinnern das das Leben eigentlich ganz einfach ist. Stimmt ja auch, wenn man kurz darüber nachdenkt reicht eigentlich auch die Erfüllung der Grundbedürfnisse. Wenn man dann aus Langeweile noch das Essen speziell anrichtet und geniesst hat man doch alles was es braucht. VG, AB

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    1. Ja, das Pilgern war damals viel gefährlicher, wie eben auch das Reisen an sich. Die Glocke der Verirrten kann noch besichtigt werden. Allerdings kann ich mich nicht daran erinnern, an dem Tag eine Glocke gehört zu haben. Andererseits war ich wahrscheinlich einfach zur falschen Zeit dort. LG

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