Lauzertes besondere Ecke [Via Podiensis 13]

Der imposante Rheinfall, die Überreste des einst ehrwürdigen Klosters in Cluny, die Kathedrale und die Kapelle von Le Puy-en-Velay, die Brücken von Espalion und Cahors, nur um einige zu nennen: Auf dem Jakobsweg, den ich im Herbst 2015 in Nürnberg begann, sah ich bisher viele besonderen Städte und Sehenswürdigkeiten. Nicht immer sind es die riesigen und spektakulären Orte, die meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Oft sind es die kleinen Dinge, die ich schön finde. So ging es mir im kleinen Städtchen Lauzerte in der französischen Region Okzitanien. Dort habe ich eine sehr interessante kleine Ecke entdeckt.

Wegweiser

17. Cahors – Lascabanes

  • Datum: Samstag, 01.09.18
  • Entfernung: 24 Kilometer

In Cahors habe ich mir am Morgen wieder mehr Zeit gelassen, weil ich mir noch die Stadt ansehen wollte. Ich frühstückte in Ruhe in der Gîte. Leider war das Frühstück wie erwartet und entsprach meinem negativen Gesamteindruck von der Herberge. Ich verabschiedete mich vom Herbergsbetreiber, um mich anschließend in Ruhe in der Stadt umzusehen. Ich wollte noch einige Teile der Stadt besichtigen, die ich am Vorabend ausgelassen hatte und außerdem erzählte mir der Leiter der Unterkunft vom sehenswerten Markt, der in der Stadt an jenem Vormittag stattfand.

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Ich folgte den Beschreibungen des Herbergsleiters und ging zunächst entlang des Flusses Lot zum Garten der Hausierer. Der Garten bekam den Namen nach den Verkäufern, die hier früher von Haus zu Haus gingen, um ihre Waren anzubieten.

Die erste Station, die ich mir vorgenommen hatte, war eine kleine Wehranlage auf dem Platz Lucterius. Sie besteht aus einem Wachturm und dem Turm St. Jean. Sie war früher ein Teil der Stadtmauer, deren Reste sich ebenfalls in der Nähe befinden.

Danach ging ich zum Bogen der römischen Göttin Diana, der zu den Überresten eines Dianatempels gehört. Ich musste ein wenig suchen, der Bogen befindet sich versteckt in einer Seitengasse.

Nachdem ich die Sehenswürdigkeiten, die mir noch wichtig waren, gesehen hatte, lief ich zum Wochenmarkt im Stadtzentrum. Die farbenfrohen Märkte gehören in Frankreich zu schützenswerten Kulturgütern, wie auf einigen Hinweisschildern zu lesen ist. Der Markt von Cahors zählt unübersehbar ebenfalls dazu. Auch die städtische Markthalle ist sehr sehenswert.

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Die Zeit schritt schnell voran und ich beeilte mich, damit ich nicht zu spät an meinem Etappenziel ankomme. Der Morgen versprach gutes Wetter für den weiteren Verlauf des Tages. Ich überquerte die imposante Valentré-Brücke und setzte an der Hinweistafel den Jakobsweg fort.

Der Anstieg nach dem Wegweiser ist sehr steil, dafür wird der Pilger mit einem eindrucksvollen Blick über die Stadt in der Lotschleife belohnt. Bei Regenwetter stelle ich mir den Weg sehr anstrengend vor. Hier begegnete mir zum ersten Mal André, ein französischer Pilger, der einen kleinen Wanderwagen für Gepäck hinter sich her zog. Für ihn war der Anstieg besonderes schwierig, er wollte aber keine Hilfe annehmen und kam langsam, aber sicher nach oben.

Wer mag, kann nach dem beschwerlichen Aufstieg noch einen kleinen Umweg zum Aussichtspunkt am Kreuz Magne machen. Da es schon ungefähr 10:30 Uhr war, beschloss ich, lieber auf den Umweg zu verzichten.

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In La Rosiére

Auf dem Weg nach Lascabanes befindet sich der kleine Weiler La Rosiére. Die Bewohner kümmern sich liebevoll um ihre hübschen Steinhäuser, die sehr gut erhalten sind. Einige waren detailverliebt mit Blumen geschmückt und mit Pflanzen bewachsen.

Kurz nach dem Weiler sah ich wieder eine der vielen und für die Gegend typischen Schutzhütten, die Hirten und Landwirte für den Fall gebaut hatten, dass sie vom Unwetter oder Dunkelheit überrascht werden.

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L’Étape bleue in Lascabanes

Am späten Nachmittag kam ich schließlich an meinem Zielort, Lascabanes, an. Meine Unterkünfte reservierte ich immer 1 bis 2 Tage telefonisch oder per E-Mail im Voraus. So machte ich es auch vor Lascabanes. Die Unterkunft „L’Étape Bleue“ befindet sich ungefähr 800 Meter außerhalb des Dorfes.

Im Ort traf ich wieder einige bekannte Gesichter, unter anderem den schlaksigen französischen Rentner Jules, den ich bereits in der Gîte in Poudailly kennenlernte. Ein wenig kam er mir anfangs unsympathisch vor, weil er häufig über andere Pilger lästerte, vor allem, wenn er glaubte, dass sie ihn nicht verstehen würden. Über mich hat er sich lustig gemacht, weil ich als Pilger die Waschmaschine der Unterkunft benutzt hatte, die für alle offen war. Der Gastgeber erwiderte nur: „jedem seinen Weg“. Später ergab sich jedoch die Gelegenheit, Jules besser und von einer anderen Seite kennenzulernen.

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Das Abendessen mit den Pilgern und den Gastgebern, einem französischen Ehepaar, war sehr angenehm und amüsant. Wir erzählten uns unsere Geschichten und die Beweggründe für den Jakobsweg. Die Eheleute pilgerten ebenfalls vor einigen Jahren nach Santiago und beschlossen nach ihrer Rückkehr aus Spanien, eine Pilgerherberge zu betreiben, um so weiter im Geist der Pilgerschaft leben zu können. Sie erlaubten mir auch, ihr Festnetztelefon zu nutzen, um einige Unterkünfte zu reservieren. Was Jules dazu sagte, dass ich als Pilger ein so modernes Gerät verwendete, ist nicht überliefert.

18. Lascabanes – Lauzerte

  • Datum: So, 02.09.18
  • Entfernung: ca. 23 Kilometer

Während des Frühstücks am nächsten Morgen unterhielt ich mich wieder mit den Mitpilgern und dem Ehepaar, das die Gîte „L’Étape Bleu“ leitete. Das Ehepaar erklärte mir, wie ich zurück zum Jakobsweg und zum nächsten bedeutenden Punkt auf der Strecke, Kapelle Saint Jean, kommen kann.

Die Beschreibung des Weges zur Kapelle

Nach dem Frühstück holte ich meinen gepackten Rucksack und verabschiedete mich von den Gastgebern in L’Étape Bleu. Ihr Hund begleitete mich einige Meter, als ob er sicher sein wollte, ob ich auch in die korrekte Richtung laufen würde. Ich folgte der Zeichnung auf dem kleinen Zettel. Schnell kam ich in der kleinen Kapelle an, die dem Heiligen Johannes dem Täufer gewidmet ist.

Die Gegend südlich von Cahors heißt wegen den weißen Kalkplateaus „Quercy blanc“. Die hügelige Landschaft ist geprägt von niedrigen Bäumen und Sträuchern. Sie umfasst den Abschnitt der Via Podiensis fast bis Lauzerte.

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Kurz vor Montcuq traf ich Hervé wieder. Ich erkannte ihn von hinten an seinem leicht schwankenden Gang. Er machte eine Pause, um sich seine Beine zu massieren. Das macht er auf dem Jakobsweg immer wieder, wie er mir erzählte, weil er überall am Körper Verspannungen verspürte. Dies kommt vermutlich von seiner handwerklichen Arbeit.

Am Tag davor blieb er auf einem Dorffest und deswegen kam er spät in seiner Unterkunft an. Er ließ sich von einigen Pilgerbekannten überreden, bei ihnen zu bleiben, obwohl er in einer anderen Unterkunft reserviert hatte. Deswegen startete er an dem Tag auch etwas später. So konnte ich ihn überholen.

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Der Markt von Montcuq

In Montcuq machten Hervé und ich eine zweistündige Pause, weil an jenem Sonntag Markttag im Städtchen stattfand und wir uns von der fröhlichen Atmosphäre im Dorf anstecken ließen. Der Markt erstreckte sich von der Kirche Saint-Privat bis zum Rathaus. Im Café vor dem Rathaus trafen wir noch einige Bekannte, die dort saßen, z. B. André, der seinen kleinen Gepäckwagen mit sich zog.

Essen gab es im Café leider keines, so dass wir uns später mit einfachem Gebäck und Käse vom Käsestand begnügen mussten. Dafür kaufte ich eine gute Käsesorte, Blue d’Auvergne, die ich einige Tage vorher in der Nähe von Le Puy-en-Velay kennengelernt hatte. Hervé besichtigte noch den Turm von Montcuq, den ich ausgelassen hatte, weil ich wusste, dass er mich ohnehin einholen würde, was er dann auch tat. Der Stadtname sollte unbedingt als „montkük“ ausgesprochen werden, damit es keine unliebsamen sprachlichen Verwechslungen gibt.

Hervé und ich machten im Weiler Rouillac, ca. 3 Kilometer nach Montcuq eine kleine Pause, damit wir uns die schöne Kirche ansehen konnten. Die Bäume kündigten hier mit ihren Farben schon den Herbst an. Der Sommer war sehr heiß, wie auch an jenem Tag. Hervé eilte weiter, wir verabredeten uns für später, ich wollte mich nicht hetzen lassen.

Karte der Region

Ich entdeckte später am Straßenrand einen Obstbaum mit reifen Früchten, Pflaumen waren es glaube ich, und kostete einige. Von der anderen Straßenseite hörte ich Jules lachen, er machte sich im Schatten gemütlich. Einige Pilger zogen bereits an ihm vorbei und nahmen einige Früchte mit, erzählte er mir lächelnd. Wir unterhielten uns kurz und ich ging weiter.

Einige Kilometer später sah ich auf einem Bauernhof einen Selbstbedienungsstand für Pilger, wie es sie in der Gegend einige gab. Dort gab es einen willkommen Schatten, Wasser, Kaffee, Obst und Kekse gegen eine bestimmte Summe, alles auf Vertrauensbasis. Ich bediente mich dankbar und hinterließ noch Trinkgeld. Von hier war es nicht mehr weit bis Lauzerte. In der Ferne zeichneten sich bereits die Dächer der Stadt ab.

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Gîte communal in Lauzerte

Die historische Altstadt von Lauzerte thront auf einem Hügel über die neueren Gebiete der Stadt und die umliegenden Dörfer. Bei der Wahl der Unterkunft habe ich mich glücklicherweise für die Gîte communal, die städtische Herberge, entschieden, die sich direkt im alten Kern befindet.

Während des Aufstiegs beobachtete mich ein Esel, der auf einem Feld graste. In der Altstadt von Lauzerte angekommen, suchte ich zunächst meine reservierte Unterkunft. Elen, die fröhliche Hebamme aus Australien, kam mir in dem Moment zufällig entgegen. Da sie ebenfalls in der Gîte communal übernachtete, konnte sie mir den Weg dorthin erklären.

Auch Hervé war wieder hier, er hatte am Ende nur wenige Minuten Vorsprung. Wir wurden von der freundlichen aber bestimmten Gastgeberin empfangen und sie erklärte uns die Hausordnung. Sie konnte auch ein wenig Deutsch sprechen. Auch Jules war wieder da.

Die Situation beim Abendessen erinnerte mich an Schulunterricht. Die Gastgeberin sprach zu uns wie eine Lehrerin zu ihren Schülern, obwohl unser Altersschnitt bei mindestens 45 Jahren lag. Ich saß bei Hervé, Elen und einem deutschen Ehepaar, Ines und Peter. Witzig fand ich, als Hervé Elen ins Wort fiel und sie ihn dafür leicht in die Seite boxte. Ich versuchte Elen und den beiden Deutschen zu übersetzen, aber weil die Herbergsleiterin uns insgesamt zu unruhig fand, habe ich es lieber gelassen. Elen nannte Hervé weiterhin Harvey.

Später kam noch eine Masseurin in die Unterkunft, die gegen Spende müde Pilgerinnen und Pilger massierte. Hervé freute sich darüber und nahm ihre Dienste gerne in Anspruch.

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Nach dem Abendessen machte ich mit Elen noch einen kleinen Abendspaziergang im Ort. Hervé beschloss, in der Unterkunft zu bleiben. Er ließ sich weiterhin massieren. Wir hatten einen sehr engen Zeitplan, weil die Herberge um 21:00 Uhr ihre Toren schloss. Auf dem Platz Cornières überraschte mich die eingangs erwähnte Stelle: eine kleine angehobene Ecke des Platzes, die integrierte der Künstler in das Kopfsteinpflaster. Die fantasievolle Skulptur erinnerte mich an ein riesiges Eselsohr oder einen Versuch, etwas unter den Teppich beziehungsweise unter das Kopfsteinpflaster zu kehren. Elen ging in die Herberge zurück und ich machte noch einige Schritte. Der Abend war sommerlich und angenehm.

Erst nach meiner Rückkehr in die Herberge verabschiedete sich die Masseurin von Hervé. Wir unterhielten uns noch ein wenig im Schlafsaal, bevor auch dieser schöne Tag zu Ende ging.

Quellen

Titelfoto: "Die Stadt mit dem Knick", Fotorechte: Dario schrittWeise
Engel, Helmut: "Frankreich: Jakobsweg. Via Podiensis, von Le Puy-en-Velay nach Saint-Jean-Pied-de-Port", Welver, S. 136 - S. 146

2 Kommentare zu „Lauzertes besondere Ecke [Via Podiensis 13]

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    1. Hallo Thomas, für mich ist es immer ein sehr bereicherndes Erlebnis, wenn ich 2 – 3 Wochen auf dem Jakobsweg unterwegs sein kann. Die meisten Erlebnisse und Begegnungen sind positiv. Für mich ist es dabei am wichtigsten, mit offenen Geist loszulaufen. Danke dir 🙂 Ich wünsche dir noch einen angenehmen Abend, LG, Dario 🙂

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