D’Artagnan, Gascognes berühmter Sohn [Via Podiensis 15]

In den Gängen hallten Geräusche von einem Degenduell. Zwei Männer in Uniformen der französischen Soldaten des 17. Jahrhunderts kämpften gegeneinander. Der Jüngere trug die Uniform der Musketiere des Königs. Mit einem gezielten Schlag gegen die rechte Hand seines Gegners entwaffnete der junge Kämpfer seinen Kontrahenten und rannte davon. Zwei weitere Soldaten stellten sich ihm in den Weg. Geschickt parierte er die Angriffe der beiden. Von der anderen Seite kamen weitere bewaffnete Männer und umzingelten ihn. Ein Musketenschuss ertönte.

„D’Artagnan!“ rief jemand. Der Umstellte drehte sich um. Seine Freunde Porthos, Aramis und Athos kamen ihn zu Hilfe.

Eine von mir erfundene Szene, die mich an das Buch von Alexandre Dumas „Die drei Musketiere“ oder an eine der zahlreichen Verfilmungen erinnert.

Der Name D’Artagnan ist legendär, obwohl er eine historische Person war. D’Artagnan hieß in Wirklichkeit Charles de Batz-Castelmore d’Artagnan und wurde 1623 auf Schloss Castelmore bei Lupiac in der Gascogne geboren. Der Ort Lupiac befindet sich im Departément Gers und der Jakobsweg verläuft in seiner Nähe.

Mehr als 150 Jahre nach d’Artagnan Tod verewigte der französische Autor Alexandre Dumas der Ältere die Abenteuer von d’Artagnan und seinen Freunden Athos, Porthos und Aramis in seinem Roman „Die drei Musketiere“ sowie in den beiden weiteren Fortsetzungen.

Auch die drei Freunde von d’Artagnan aus Dumas‘ Romantrilogie, Athos, Porthos und Aramis, existierten wirklich. Sie traten im siebzehnten Jahrhundert in die Garde des französischen Königs „Mousquetaires de la garde“. Unklar ist nur, ob sie gleichzeitig als Musketiere dienten.

In der Gascogne ist die Geschichte ihres berühmten Sohnes überall präsent. Viele Denkmäler, Gemälde und Straßennamen erinnern an die Geschichte der Musketiere, die bis heute die Fantasie der Menschen anregt.

Der Wegweiser

21. Saint-Antoine – Lectoure

  • Datum: Mittwoch, 05.09.18
  • Entfernung: 24 Kilometer

Nach dem Frühstück und Abschied von den Gastgebern in der Gîte Ferme de Villeneuve, die zunächst ein wenig auf sich warten ließen, lief ich weiter nach Miradoux. Am Vormittag regnet es ein wenig, was eine gelungene Abwechslung zu den heißen Etappen der letzten Tage bedeutete.

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Miradoux

Unterwegs traf ich wieder einige der bekannten Gesichter, beispielsweise den französischen Pilger, die einen kleinen Gepäckwagen mit sich zog, an Stelle eines Rucksacks, und ein französisches Ehepaar, das mit einem Wohnwagen reiste und etappenweise lief. Am Vormittag regnete es, als ich zu einem kleinen und bunt bemalten Rastplatz kam.

Nach wenigen Stunden erreichte ich Miradoux, ein Städtchen ohne viele Höhepunkte, außer der Kirche, der alten Markthalle und einiger alten Häuser. Hier kaufte ich in einer Bäckerei ein belegtes Brötchen und setzte meine Reise fort.

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Auf dem Weg nach Lectoure, dem Ziel meiner Etappe an jenem Tag, traf ich einen deutschen Weltreisenden, der seine Wohnung untervermietet hatte, damit er reisen kann. Detlef war sein Name. Er erzählte mir von seinen Fernwanderungen auf den Jakobswegen in Frankreich und Spanien, in den USA und Kanada. Letzen Monat soll er in Asien gewesen sein. Er begutachtete meine Ausrüstung und kannte die Modelle auswendig.

Danach kamen auch die vier älteren französischen Freunde, ein Zahnarzt- und ein Apotheken-Ehepaar. Sie blieben zurück, weil sie eine Pause einlegten, aber ich traf sie die nächsten Tage immer wieder. Detlef kam mit mir einige Kilometer mit und freute sich, dass er mit jemand Deutsch sprechen konnte. In einem Dort machten wir an einem gallo-römischen Brunnen Pause und verabschiedeten uns hier, weil Detlef ein schnelles Tempo hatte und ich meine Geschwindigkeit nicht anpassen wollte. Er wirkte zudem wie jemand, der gerne alleine reiste.

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Die Altstadt von Lectoure

Von dort aus dauerte es nicht mehr lange bis Lectoure. Kurz vor der Stadt verlor ich die Muschelzeichen aus den Augen und musste einen alternativen Weg laufen. Da ich versucht hatte, die stark befahrene Straße zu umgehen, landete ich auf einem Feld. Querfeldein überquerte ich das Feld und gelang schließlich in die Stadt. Der markante Turm der Hauptkirche wies mir die ganze Zeit den Weg.

Ich ging zuerst zur Touristeninformation, die sich neben der Kirche befindet, weil ich bereits meine Rückreise planen wollte. Darin traf ich eine Pilgerin, die mich wiedererkannte, weil wir letztes Jahr in Saugues in der derselben Unterkunft übernachtet hatten. Die Angestellte der Touristeninfo konnte mir jedoch keinen besonderen Tipp geben, wie ich von meiner geplanten Endstation Nogaro nach Toulouse kommen kann, von wo aus ich zurückfliegen wollte. Ich beschloss, eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Vor der Kirche sprach mich Detlef an und wir unterhielten uns ein wenig.

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Ich begab mich in meine Unterkunft, bevor ich mich in der Stadt umsah. Das Hostel hieß 1A. Dort erfuhr ich, dass ich ein Zimmer mit den beiden Pilgern teilen werde, Vater und Sohn, die ich vor zwei Tagen mit Elen kennengelernt hatte.

Nachdem wir uns im Zimmer eingerichtet hatten, verabredeten wir uns zum gemeinsamen Kochen zum Abendessen. Das Hotel hatte eine Gemeinschaftsküche, in der wir kochen dürften. Jeder sollte etwas zum Kochen mitbringen.

Die Kirche von Lectoure

Auf meinem Stadtrundgang sah ich mir die Kirche von Lectoure genauer an, sie ist das historische Wahrzeichen der Stadt. Die Kirche Saint-Gervais et Saint-Protais ist eine ehemalige Kathedrale und wurde zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert gebaut. Darin werden die Reliquien des ersten Bischofs von Lectoure, Hl. Clair d’Aquitaine, aufbewahrt.

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Am Abend stellten meine beiden Mitbewohner und ich fest, dass wir es nicht rechtzeitig geschafft hatten, alle Zutaten zu besorgen, weil die meisten Geschäfte bereits geschlossen waren. Darum beschlossen wir spontan, in ein Restaurant zu gehen. Wir entschieden uns für ein Restaurant unterhalb eines Turmes. Jules saß an einem der Nebentische mit anderen Pilgern. Später kam er auch zu uns an den Tisch und wir unterhielten uns kurz. Er erzählte uns von seinem früheren Beruf als Leiter einer Erziehungsanstalt für Jugendliche. Jetzt sei er in Rente und Lectoure ist seine letzte Station auf dem Jakobsweg. Zumindest für jenes Jahr.

22. Lectoure – Castelnau sur Auvignon

  • Datum: Donnerstag, 06.09.18
  • Entfernung: 23,5 Kilometer

Am nächsten Morgen sah ich Jules aus dem Fenster unseres Zimmers. Er ging zum Hauptbahnhof, um mit dem Zug nach Hause zurückzufahren. Ich wünschte ihm eine gute Heimreise und alles Gute.

Meine Zimmernachbarn gingen vor mir los, denn der Jüngere kam sehr langsam voran. Tatsächlich holte ich die Beiden nach wenigen Kilometern ein. Ein Hund rannte plötzlich auf mich zu, ich wusste gar nicht woher er kam. Der Hund rannte ebenso unerwartet davon.

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Pause in Marsolan

Die nächste Strecke legten wir gemeinsam zurück. In Marsolan gab es eine Art Kiosk, in dem Pilger eine kleine Rast einlegen können, um zu essen und zu trinken. Hier setzten wir uns an die kleinen Tische, die sie vor dem Kiosk aufgestellt hatten, kauften eine Kleinigkeit und nutzten die sanitären Anlagen. Im ganzen Dorf erklang der Gesang von Sängerinnen und Sängern, die für ein Konzert probten, wie wir später erfuhren.

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In der Nähe des Kiosks befindet sich eine kleine alte Kirche. Auch aus dem Inneren der Kirche kamen Musik und Gesang. Darin übten ein Klavierspieler und ein Sänger für die Aufführung, die laut einer Ankündigung an der Kirchentür in zwei Tagen stattfinden sollte.

Unterwegs nach Le Romieu

Meine Begleiter warteten auf mich, bis ich aus der Kirche zurückkam. Wir pilgerten noch eine Weile gemeinsam, sie reservierten eine Unterkunft in Condom, und nahmen eine Abkürzung, um die Stadt Le Romieu zu umgehen. An einer Kreuzung trennten sich unsere Wege, weil ich Le Romieu für sehenswert genug hielt. Wir verabschiedeten uns und ich ging an unendlich wirkenden Sonnenblumenfeldern vorbei.

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Die Altstadt von Le Romieu

Le Romieu betrat ich durch ein altes befestigtes Stadttor. Im Touristenbüro traf ich wieder die französische Pilgerin von gestern und auch die Angestellte des Touristenbüros war die gleiche, die ich in Lectoure traf. Ein Déjà-vu, dachte ich, das kann nicht sein. Sie erklärte mir aber, dass die Mitarbeiter oft von Stadt zu Stadt fahren, wenn der Bedarf besteht.

La Romieu wurde 1062 von zwei deutschen Mönchen, die von ihrer Pilgerreise nach Rom zurückkehrten, gegründet. Der Name der Stadt bedeutet „der Rompilger“. Die Menschen kamen und errichteten nach und nach ein Dorf um die Kirche. Von den drei Stadttoren ist nur noch das nördliche Tor übrig geblieben, durch das ich die Stadt betreten hatte.

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Die Klosterkirche von Le Romieu

Im Kloster traf ich erneut die vier ehemaligen Medizinstudenten. Sie erzählten, dass ich noch unbedingt die farbenfrohen Wandmalereien in der Sakristei und den Turm besichtigen sollte. Wir hatten eine ähnliche Reisegeschwindigkeit und planten unsere Tagesetappen nahezu identisch, so dass wir uns in den nächsten Tagen häufiger begegnet sind.

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Die Legende von Angéline und ihren Katzen

Überall in der Stadt sind kleine Katzenstatuen verstreut: Auf einem Fenstersims, an einem Mauervorsprung oder auf einem Dach beispielsweise. Die Katzen sind zum Symbol der Stadt geworden. Die Katzenverehrung geht auf eine alte Stadtlegende zurück. Sie soll sich Mitte des 14. Jahrhunderts ereignet haben: Während einer großen Hungersnot beschlossen die Stadtbewohner in ihrer Verzweiflung, sämtliche Katzen der Gegend zu essen. Das tierliebe Waisenmädchen Angéline liebte Katzen so sehr, dass sie ein Katzenpaar auf ihrem Dachboden versteckt hatte. Nach der Hungersnot vermehrten sich die Ratten und Mäuse in der Gegend, weil die Katzen fehlten, und bedrohten die Ernte. Währenddessen vermehrten sich auch die Katzen auf Angélines Dachboden. Das Waisenmädchen ließ ihre Katzen frei und sie bewahrten die Stadt von einer erneuten Hungersnot. Mit der Zeit soll Angéline laut der Legende auch zunehmend den Katzen ähnlich ausgesehen haben.

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Unterkunft in Castelnau sur Auvignon

Düstere Wolken zogen sich zusammen. Ich beeilte mich, konnte aber dem Regen nicht ganz entkommen. Wie so oft hat sich die relativ lange Besichtigungspause in Le Romieu gewissermaßen gerächt, weil ich mit der Wandermotivation zu kämpfen hatte.

Am späten Nachmittag kam ich in Castelnau sur Auvignon an. Die Betreiber der Unterkunft, ein älteres Ehepaar, waren selber Pilger und kümmern sich sehr liebevoll um ihre Pilgerunterkunft, die auch zu ihrem Haus gehört.

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Am Abend traf ich wieder einige bekannte Mitpilger, beispielsweise die vier Kommilitonen und lernte von meinem französischen Zimmergenossen, dass sich Katalonien teilweise auch in Frankreich befindet. Alle Pilger aßen an einem langen Tisch gemeinsam mit den Betreiber der Unterkunft zu Abend.

Amüsant fand ich in der Unterkunft eine Aufgabenliste, die auf einer kleinen Kreidetafel geschrieben war. Die Tagesaufgaben lauteten: „Lachen“, „Danke sagen“, „positiv bleiben“, „nicht ver- bzw. beurteilen“ und „ein Kompliment machen“. Ich finde, jeder sollte eine ähnliche Aufgabenliste haben.

Quellen

Titelfoto: "D'Artagnan und die drei Musketiere", Fotorechte: Dario schrittWeise
Engel, Helmut: "Frankreich: Jakobsweg. Via Podiensis, von Le Puy-en-Velay nach Saint-Jean-Pied-de-Port", Welver, S. 162 - 175.
https://www.artagnan.de/dumas-drei-musketiere/realitaet.html

12 Kommentare zu „D’Artagnan, Gascognes berühmter Sohn [Via Podiensis 15]

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  1. so ein BISSchen … all for one … ONE for ALL … wünsche ich mir … nach so einem Spiel der MANNschaft meines Sohnes … wie z.B. gestern … immer und immer wieder …

    Scheinbar liegt es aber in der NATUR von vielen STERBLICHEN …

    sich oft auf irgendwelche HELDEN zu verlassen …

    Doch wissen WIR ja … dass der … der sich stets auf andere verlässt … VERLASSEN ist … 😉

    Spätestens nach dieser Saison wird gewechselt … und wenn nicht … wird der Heldensohn ENTERBT … 😈

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja, die Einstellung „Einer für alle, alle für einen“ wünsche ich mir häufiger, in unterschiedlichen Lebensbereichen. Viele Menschen verlassen sich gerne auf andere. Aber wie es schon Tina Turner wusste, „We don’t need another hero“ 😉. LG

      Gefällt 3 Personen

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