Die Abteikirche Saint-Pierre von Moissac [Via Podiensis 14]

Die ehemalige Abteikirche Saint-Pierre in Moissac auf dem französischen Jakobsweg Via Podiensis gehört mit ihrem Portal und dem Kreuzgang zu den wichtigsten Zeugnissen der französischen Romanik. Aus diesem Grund hat die UNESCO sie als Teil der Jakobswege in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Bereits das Eingangsportal mit dem sogenannten Trumeaupfeiler in der Mitte und dem Tympanon mit der Darstellung des Weltgerichts nach Johannes sind sehr eindrucksvoll. Der Kreuzgang der ehemaligen Abteikirche gehört zu den ersten Kreuzgängen, in dem Szenen aus der Bibel an den Säulenkapitellen erschienen sind.

Der Wegweiser

19. Lauzerte – Moissac

  • Datum: Montag, 03.09.18
  • Entfernung: 27 Kilometer

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen blieb ich noch mit Hervé und Elen, der humorvollen Hebamme, in der Pilgerherberge. Die anderen Pilger gingen bereits fort. Hervé wollte an jenem Tag eine kurze Etappe machen, um seine Freunde zu treffen, die hinter ihm waren. Er begleitete mich noch bis zum Hauptmarkt mit der charakteristischen Installation, die in das Kopfsteinpflaster integriert ist.

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Der Jakobsweg führte mich am kleinen Pilgergarten vorbei, der laut meinem Pilgerführer bereits einige Preise gewonnen hatte. Auf dem Aussichtspunkt mit einer alten Kanone konnte ich meinen Blick über die Landschaft schweifen lassen.

Im Weiler Le Chartron sah ich eines der Taubenhäuser auf Stelzen, die in der Region weit verbreitet sind. Die Tauben wurden gegessen und ihre Hinterlassenschaften dienten zum Düngen der Felder.

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In einem Pausenstand traf ich Elen und die ihre Landsfrau Margareth, die an jenem Tag ohne ihre Tochter Jenny unterwegs war, weil diese sich verletzt hatte und einen Pausentag einlegte. Eine Katze mit einem schwarzen Punkt auf ihrer Schnauze beobachtete uns neugierig. Leider hatten wir keine katzengerechte Nahrung dabei, die Katze wirkte aber nicht hungrig.

Einige Kilometer liefen wir gemeinsam weiter, dann verabschiedete sich Margareth von uns und ich pilgerte mit Elen nach Moissac.

Eine interessante Station auf der Strecke war die Baustelle einer Unterkunft für die Pilger, die mich an ein Hippiedorf erinnerte. Viele Hütten und bunte Schilder waren zu sehen. Auf einem der Schilder stand „La Paillote“ – die Strohhütte. Vermutlich wird dies später der Name sein. Gerne würde ich die Unterkunft sehen, wenn sie fertig ist.

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In Moissac

Hinter einer kleinen Kapelle kurz vor Moissac füllten Elen und ich unsere Wasservorräte auf. Hier trafen wir zwei französische Pilger, Vater und Sohn, der Maschinenbau studiert. Sie blieben noch sitzen, als wir weiterzogen.

Am späten Nachmittag erreichten wir Moissac. Von der Stadt sah ich insgesamt nicht viel, aber auf den ersten Blick würde ich sagen, dass die Abteikirche Saint-Pierre als Höhepunkt der Stadt zu bezeichnen ist.

Elen und ich folgten einem Schild in den Garten der Abtei, wo die Gemeinde einen Empfang für die Pilger eingerichtet hatte. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter empfingen uns freundlich, boten uns Getränke und kleine Snacks an. Ich verabredete mich mit Elen für den Abend, weil sie ein Schlafplatz in einer anderen Pilgerherberge reservierte als ich.

Ich brachte mein Gepäck in meine Pilgerherberge für den Abend, mit dem Namen „Ultreia“, der von einem alten Pilgergruß stammt: „Ultreia, Ultreia, et Suseia, Deus, adjuva nos!“. Der Gruß bedeutet: „Vorwärts, immer weiter und aufwärts, Gott helfe uns!“. Der Name erinnerte mich an das berühmte französische Pilgerlied, über das ich im ersten Beitrag über die Via Podiensis geschrieben hatte. Die Pilgerherberge wird von einem irischen Ehepaar geführt. Beide sind leidenschaftliche Pilger. Der Herbergsvater erzählte mir, dass er so oft in Santiago war, dass er dort in bestimmten Restaurants nicht mehr bestellen muss, sondern von den Kellnern „das Übliche“ bekommt. In der Unterkunft traf ich Jules wieder. Auf dem Jakobsweg sieht man manche Pilger immer wieder. Sein Auftauchen hatte aber etwas Unerwartetes an sich. Deswegen sagte ich auch zu ihm, er sein mein „Geist des Pilgerwegs“, der mir überallhin folgen würde.

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Die ehemalige Abteikirche Saint-Pierre von Moissac

Nachdem ich mich „frisch gemacht“ und meine Kleidung gereinigt und zum Trocknen aufgehängt hatte, kehrte ich in die Altstadt zurück, um mir das Schmuckstück der Stadt anzusehen.

Die Abteikirche Saint-Pierre wurde während der Albigenserkriege (1207 – 1214) teilweise zerstört. Heute sind nur Teile der ursprünglich romanischen Benediktinerabtei erhalten geblieben, insbesondere das Portal und der Kreuzgang. Im 14. und 15. Jahrhundert wurde die Kirche im gotischen Stil wiederaufgebaut.

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Das Portal entstand Anfang des 12. Jahrhunderts. Das Tympanon stellt die Vision des Evangelisten Johannes dar, welcher das Ende der Welt prophezeite. Auf dem Tympanon ist in der Mitte Christus als Richter dargestellt, der von den vier Evangelisten umgeben ist. Neben ihnen stehen zwei Engeln mit Schriftrollen, die vom Weltgericht zeugen. Weitere Figuren stellen die vierundzwanzig Ältesten dar. Auf dem Türsturz unterhalb des Tympanons verkörpern mehrere Feuerräder das Höllenfeuer der Apokalypse.

Forscher vermuten, dass sich Umberto Eco für die Beschreibung eines Kirchenportals in seinem Roman „Der Name der Rose“ vom Tympanon in Moissac inspirieren ließ.

Der Kreuzgang

Leider kam ich erst spät zur Abteikirche Saint-Pierre zurück. Ich machte den Fehler, mich vorher nicht über die Öffnungszeiten des berühmten Kreuzganges informiert zu haben. Die Mitarbeiter des Klostermuseums waren gerade dabei, die Türen zu schließen. Zum Glück kamen noch zwei französische Pilger ebenfalls zu spät, sodass sie die Mitarbeiter formvollendet bitten konnten, uns einige Minuten für die Besichtigung zu geben.

Nachdem wir den Kreuzgang betreten hatten, konnten wir diesen besonderen Raum bewundern. Laut einer Inschrift ist dieser im Jahr 1100 entstanden, womit er etwas älter als das Tympanon ist. Wir hatten zwar nicht viel Zeit für die Besichtigung, dafür konnten wir den Kreuzgang in Ruhe genießen, weil keine weiteren Besucher anwesend waren. Der Ort strahlte eine besondere Ruhe und Atmosphäre aus.

Der Kreuzgang besitzt zehn Marmorreliefs an den Eckpfeilern und 88 Kapitelle, die ihn zu einem der größten erhaltenen und am reichsten geschmückten romanischen Kreuzgang machen. Auf den Marmorreliefs und den Säulenkapitellen sind viele Szenen aus der Bibel und der Tier- und Pflanzenwelt abgebildet. Hier haben die Bildhauer der Romanik faszinierende Geschichten aus Stein erzählt.

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Nach wenigen Minuten war der Zauber vorbei und die beiden anderen Pilger und ich mussten den Kreuzgang wieder verlassen.

Für den Abend verabredete ich mich mit Elen und wir aßen gemeinsam in einem Restaurant vor der Abteikirche zu Abend. Wir unterhielten uns angeregt und erzählten über unsere Lebensgeschichten und Erfahrungen mit dem Jakobsweg. Gegen 21 Uhr verabschiedete ich mich von Elen und ging in meine Unterkunft zurück. Abschiednehmen nimmt eine große Rolle auf dem Jakobsweg ein, wie ich finde. Wir verabschieden uns dauernd von den Orten, den Gastgebern und den anderen Pilgern.

20. Moissac – St. Antoine

  • Datum: Dienstag, 04.09.18
  • Entfernung: ca. 27 Kilometer

Am nächsten Morgen überlegte ich kurz, ob ich in die Innenstadt laufen sollte, um bis um 10 Uhr zu warten, bis der Kreuzgang seine Pforten öffnet, hatte aber den Gedanken schnell verworfen, weil ich dann sehr viel Zeit verlieren würde. Zudem stand an dem Tag noch ein langer Weg vor mir.

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Der Weg nach Auvillar am Kanal entlang

Die nächste große Zwischenstation war die Stadt Auvillar. Zwei Wege führen dorthin, der eine ist bergiger und länger und der andere folgt größtenteils dem Kanal der Garonne. Ich entschied mich für die zweite Variante, auch um mir eine kleine Verschnaufpause zu gönnen. Jules entschied sich für die Bergtour. Nach dem Frühstück nahm ich Abschied von meinen irischen Gastgebern und begann meine Tagesetappe.

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Die Wege teilen sich bei der Schleuse von Espagnette. Ich folgte dem schattigen Weg entlang des Kanals für die nächsten 7 Kilometer und machte in Boudou eine kurze Pause. Der „Canal latéral à la Garonne“ verbindet mit dem Canal du Midi den Atlantik mit dem Mittelmeer. Bei Malause kommen die beiden Routen wieder zusammen. In einer rustikalen Pilgerherberge machte ich kurze Pause und überquerte ein wenig später eine Brücke, die mich nach Auvillar führte.

Die Karte der Region zwischen Lauzerte und Auvillar

Die Kornhalle von Auvillar

Am frühen Nachmittag erreichte ich Auvillar, eine Stadt, die sich in der Region Midi-Pyrénées und der historischen Provinz Gascogne befindet. Die nächsten Etappen verbrachte ich ebenfalls in dieser Provinz. Die Sprache und Kultur der Gascogne sind eher in die Nähe der benachbarten Basken zuzuordnen.

Eine Besonderheit von Auvillar stellt die Kornhalle aus dem Jahr 1824 dar. Heute dient sie in erster Linie als Markthalle. Darin sind noch alte Vorrichtungen für das Speichern und Verteilen von Korn zu sehen.

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Den Marktplatz verließ ich durch den Tour de L‘ Horologe, den Uhrenturm, aus dem 17. Jahrhundert. Früher befand sich hier die Stadtmauer, heute muss der Wanderer und Pilger noch einige Minuten weiterlaufen, um die Stadt zu verlassen.

Auf einer Farm bei Saint-Antoine

In Saint-Antoine-du-Pont-d‘-Arratz besichtigte ich die sehenswerte Kirche St. Pierre und machte mich auf den Weg zu meiner Unterkunft, Ferme Villeneuve, die sich zwei Kilometer nach Saint-Antoine befand. Kurz vor der Herberge hörte ich ein lautes und aggressives Bellen. Von einem Anwesen rannte ein großer Hund auf mich zu, Typ „Schäferhund“ oder ähnlich. Er war weder angebunden, noch gab es einen Zaun. Da ich mich wenig mit Hunden auskenne, konnte ich die Gefahrensituation nicht richtig einschätzen, mein Bauchgefühl sagte mir, ich soll mich lieber beeilen. Zwei Sachen wusste ich nur: ich darf nicht rennen und ich darf dem Hund nicht in die Augen sehen. Deswegen versuchte ich zügig, aber ohne zu rennen, das vermutete Revier des Hundes zu verlassen. Der Hund kam auf die Straße und bellte mich an. Scheinbar verließ ich rechtzeitig sein Gebiet. Ich war froh, als ich mich weit genug von ihm entfernt hatte. Neben Selbstüberschätzung gehören aggressive Hunde, Bettwanzen und Zecken zu den größten Gefahren auf Fernwanderungen.

Ich erzählte der Gastgeberin auf der Ferme Villeneuve, dass ihr Nachbar seinen Hund nicht angebunden hatte und dieser nun die Passanten angreifen würde. Sie erklärte mir, dass ein anderer Pilger vor wenigen Minuten angekommen ist, den der Hund sogar gebissen hatte. Ihr Mann hatte ihn in Krankenhaus gefahren. Ich hatte an dem Tag noch Glück. Später stellte sich heraus, dass der gebissene Pilger Peter war, den ich in Lauzerte kennengelernt hatte. Ihm ging es gut, aber er hatte eine kleine Fleischwunde davongetragen. Gut, dass ich auf mein Bauchgefühl gehört hatte.

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Da die Besitzer nicht nur eine Unterkunft für Pilger anboten, sondern auch für gewöhnliche Reisende, zu höheren Preisen, gab es auch unterschiedliche Zimmer. Ich übernachtete in einem Gartenhäuschen mit Jules und einem französischen Ehepaar. Kurzzeitig dachte auch Bruno, der Schweizer Pilger, dass er bei uns übernachten würde, aber die Gastgeberin sagte, es sei ein Irrtum und er musste im Haupthaus zum vollen Preis übernachten. Er fand es merkwürdig, dass es zu dieser Änderung kam. Später erzählte er uns, dass er aus Gruyère in der Schweiz kommt, dem Dorf aus dem der berühmte und leckere Käse kommt. Eine seiner Nachbarinnen ist Geraldine Chaplin, die Tochter von Charlie Chaplin. Interessanterweise spielte sie im Film „Charlie“ ihre eigene Großmutter.

Der Abend auf der Farm erinnerte mich an einen Theatersketch. Am Tisch saßen Ines und Peter, der Schweizer Bruno, Jules, vier französische Studienfreunde und unsere Gastgeber, die sich größte Mühe gaben, wie Figuren aus einem französischen 60er-Jahre-Film. Sie tänzelten um uns herum, reichten uns Speisen, präsentierten uns den Armagnac aus der Region. Die Stimmung wirkte ein wenig künstlich, aufgesetzt, der Abend hinterließ aber keine negative Wirkung auf mich, ich lehnte mich zurück und lächelte innerlich. Später wollte sich Ines mit ihrem Mann zurückziehen und fragte mich, ob ich auch gehen werde, damit es nicht merkwürdig aussieht, wenn sie den Raum verlassen. Ich fand aber ihren Wunsch seltsam und redete mich heraus, indem ich sagte, dass wir ohnehin alle bald schlafen gehen werden.

Am Nachmittag und Abend beantwortete ich noch einige Kommentare, die einige Blogger zu meinem vorbereiteten Blogbeitrag „…ein Blick in die Zukunft“ geschrieben hatten. Im Beitrag fragte ich, ob es sinnvoll ist, große Pläne im Leben zu schmieden, wenn doch oft etwas dazwischenkommt. Zumindest konnte ich die im Beitrag erwähnten Etappen in die Tat umsetzen.

Quellen

Rolf Toman (Hrsg.): "Die Kunst der Romanik. Architektur – Skulptur – Malerei", Köln 2004, Seiten 260 - 263.
Engel, Helmut: "Frankreich: Jakobsweg. Via Podiensis, von Le Puy-en-Velay nach Saint-Jean-Pied-de-Port", Welver, S. 146 - 162.

14 Kommentare zu „Die Abteikirche Saint-Pierre von Moissac [Via Podiensis 14]

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