Auf dem Monte de Gozo [Camino Francés XVI]

Monte de Gozo, der „Berg der Freude“, ist ein Hügel, von welchem aus die Pilger:innen traditionell voller Freude auf das Ziel ihrer langen und beschwerlichen Reise blicken. Sie sehen die Türme der Kathedrale und die Dächer der Stadt Santiago de Compostela.

Vor genau einem Jahr, am 09.10.2021, kehrte ich an diesen geschichtsträchtigen Ort zurück. Der Hügel befindet sich in San Marco, unweit von Santiago de Compostela. Ich erreichte den Freudenberg mit einer Gruppe von Pilger:innen, die im Laufe des Weges zu Freunden geworden sind.

Dies ist die vorletzte Fortsetzung meiner Jakobswegreihe vor dem Blogeitrag, in welchem ich meine Ankunft in Santiago de Compostela beschreiben werde.

Wegweiser

Etappe 32: Ribadiso de Baixo – O Pedrouso

  • Datum: 08.10.21
  • Entfernung: 22 Kilometer

Am Morgen erwartete uns in Ribadiso wieder der gutbekannte Herbstnebel, den ich genossen habe, auch weil der Tag vergleichsweise warm war. Den Nebel mag ich, am liebsten, wenn gleichzeitig die Sonne scheint. Aber auch ohne Sonnenschein freue ich mich darüber.

Am Vortag verließen wir im Ort Leboreiro die Provinz Lugo und pilgerten seitdem durch die Provinz A Coruña in der Autonomen Gemeinschaft Galicien. In dieser Provinz blieben wir auch bis Santiago.

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Nach einiger Zeit stellte ich fest, dass mein Shirt, das ich getragen hatte, zu klein geworden ist. Das sagte ich auch Kosta, der mir mit lief. Er lachte aber nur und sagte, ich sollte lieber zugeben, dass ich zugenommen habe. Später bestätigte sich aber der Verdacht. Mein Shirt ist eingegangen, weil wir zwei Abende zuvor zu viel Wäsche und zu lange in der Waschmaschine gewaschen hatten. Das gehört auch zu den typischen Pilgerproblemen.

Arzùa

Eine größere Stadt auf der Tagesetappe war Arzùa. Am Stadteingang haben die Verantwortlichen wieder die Buchstaben aufgestellt, die den Stadtnamen ergaben. Wir liefen durch das Städtchen und sahen uns ein wenig um.

Überregional bekannt ist der Käse Arzúa-Ulloa, den im Ort mehrere Käsereien herstellten. In Arzùa gab es einen Augustinerkloster aus dem 14. Jahrhundert, von dem nur die Kapelle La Magdalena übrig geblieben ist.

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Sehenswert fand ich auch das Haus mit „weisen“ Zitaten, kurz nach dem Ort. Es stellte sich als eine Pilgerherberge heraus. Zu den interessantesten gehören folgende Gedanken (sinngemäß übersetzt):

„Die Weisheit erfordert Bescheidenheit und einen fragenden Geist: Bescheidenheit lässt uns unsere Ignoranz gegenüber bestimmten Dingen einsehen, der fragende Geist lässt uns diese besser verstehen.“

„Die wichtigste Lektion, die die Menschheit lernen muss, ist, dass die Gesellschaft, die nicht in Harmonie lebt, sich selbst zerstören wird.“

Wir machten Halt in der Cafébar Tia Dolores Bar, die mit vielen Glasflaschen dekoriert war. In der Bar trafen wir wieder viele bekannte Gesichter, darunter Arthur mit seiner Ehefrau und dem ca. 15-jährigen Sohn, die Pilgergruppe aus Polen und James aus den USA.

Wir kamen noch an einigen historischen Brunnen vorbei, aus welchen schon in Mittelalter Pilger:innen getrunken hatten.

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O Pedrouso

In O Pedrouso kamen wir am Nachmittag an. Ich erinnerte mich an diesen Ort, weil ich hier bereits 2015 war, auf meiner ersten Pilgerschaft über Camino del Norte. Wir hatten wieder eine gemeinsame Unterkunft als Gruppe gebucht.

O Pedrouso war der letzte Übernachtungsort vor Santiago de Compostela. Der Ort war wenig spektakulär, aber wir unterhielten uns viel, so dass wir kein Problem damit hatten, dass es dort nicht viel zu tun und zu sehen gegeben hatte.

Es war der Vorabend unserer Ankunft in Santiago. Alle freuten sich auf den nächsten Tag, obwohl auch allen klar war, dass sich damit die Zeit des Abschiedes genähert hatte.

In O Pedrouso kaufte ich ein Notizbuch, in das ich alle aus unseren Pilgergruppe etwas schreiben ließ. Es war eine Art Freundebuch.

Ich überlegte mir, was ich nach meiner Ankunft in Santiago machen sollte. Gleich nach Deutschland zurückfahren oder weiter nach Finisterra laufen? Viele Pilger:innen liefen nach Santiago noch 3 – 4 Tage bis zum Ort Finisterra, welcher sich am Atlantik befand. Da ich schneller vorangekommen bin, als ursprünglich geplant, hatte ich noch einige Tage übrig. Ich wollte in Santiago entscheiden, wie es weitergehen sollte.

Wir aßen gemeinsam in einem einfachen Restaurant zu Abend. Hier gab es auch das Pilgermenü, das traditionell für wenig Geld aus drei Gängen und nicht selten einem Glas oder gar einer ganzen Flasche Wein bestand.

Etappe 33: O Pedrouso – Monte de Gozo (Teil 1)

  • Datum: 09.10.21
  • Entfernung: 14 Kilometer (von 21 insgesamt)

O Pedrouso war am nächsten Morgen ebenfalls in Nebel gehüllt. Da wir den Ort unweit von Santiago gewählt hatten, war die Etappe an jenem Tag nicht so lang. Unterwegs sahen wir vor uns Pilger:innen, die sich wie Geister im Nebel abzeichneten.

Der erste Höhepunkt des Tages sollte „Monte de Gozo“ sein und die Vorfreude stieg mit jedem Schritt.

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Zwischendurch machten wir Pause in einem Café. Antonia erkannte den Besitzer. Er war ein bekannter spanischer Schauspieler. Als sie ihn darauf angesprochen hatte, verneinte er das, was sie aber nicht sehr glaubwürdig fand. Wir recherchierten hier bereits, wie wir zurückreisen können. Die meisten entschlossen sich für einen Flug nach Hause, ich wollte mit dem Zug zurückfahren. Ein Hauch von Abschiedsstimmung war zu spüren.

In Lavacollla liefen wir am Flughafen Santiago de Compostela vorbei. Hier war die Nähe zur Großstadt deutlich spürbar.

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San Marcos und Monte de Gozo

Nach ca. 14 Kilometern erreichten wir San Marcos, einen kleinen Ort am Rand von Santiago de Compostela. Der Ort ist in erster Linie für den auf dem Gemeindegebiet befindliche Monte do Gozo (Freudenberg) bekannt.

Es war ein besonderes Gefühl, am Monte de Gozo anzukommen. Wir fühlten uns wie die mittelalterlichen Pilger:innen, die nach mehreren Monaten der beschwerlichen Reise nach Monte de Gozo angekommen sind. Unsere Pilgerschaft war zwar nicht so gefährlich wie die unserer Vorfahren, die regelmäßig überfallen, ausgeraubt, entführt wurden, aber trotzdem ist sie nicht ohne Schwierigkeiten verlaufen.

Der Hügel ist zwar nur 380 Meter hoch, aber von hier aus können zum ersten Mal Santiago de Compostela und die Türme der Kathedrale gesehen werden.

Gleich am Fuße des Hügels befindet sich die kleine Kapelle „San Marcos“ mit einem rechteckigen Grundriss. Einer Legende nach wurde sie vom Heiligen Markus errichtet, der ihre Tür nach Osten ausgerichtet hatte. Diese Bauweise war ungewöhnlich, weil die meisten christlichen Bauwerke ihre Türen nach Westen ausgerichtet hatten. Aber auf diese Weise ist die Tür zu den ankommenden Pilger:innen ausgerichtet, die von Osten nach Westen pilgerten.

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Monte do Gozo wurde zum ersten Mal im Buch „Codex Calixtinus“ aus dem XII. Jahrhundert erwähnt. Es gilt noch heute als das bekannteste Buch über den Jakobsweg aus dem Mittelalter. Darin wird der Berg als Mons Gaudii bezeichnet. Schon damals war die große Bedeutung des Berges für die Pilger:innen bekannt. Die Freude war einfach enorm, zum ersten Mal die Kathedrale zu sehen. Aus jener Zeit stammt auch die Tradition, die Pilgerin/den Pilger als Pilgerkönig:in zu bezeichnen, die jeden Tag als erstes die Kuppe von Monte de Gozo erreicht hatte.

Unterhalb des Hügels wurde eine riesige Pilgerherberge gebaut, die für mehrere Hundert Pilger:innen Platz bietet.

Besuch des Papstes J. Paul II. und Skulpturen auf dem Monte de Gozo

Papst Johannes Paul II ließ im Jahr 1989 auf dem Monte de Gozo die zentralen Veranstaltungen des Weltjugendtages ausrichten. In Gedenken an den Besuch des Papstes wurde dort ein Denkmal der brasilianischen Künstlerin Yolanda D’Augsburg Rodrigues errichtet. Die ursprüngliche Skulptur wurde aber in der Zwischenzeit von einem Bodenmonument ersetzt. Darin sind die Reliefs eingesetzt, die vorher im Sockel der größeren Skulptur angebracht waren.

Vier Jahre später, während des Heiligen Jahres 1993, wurden zwei Pilgerskulpturen des galizischen Bildhauers Acuña auf dem Aussichtspunkt Monte do Gozo aufgestellt. Sie blicken voller Vorfreude auf Santiago.

Noch heute ist der Freudenberg der am zweithäufigsten erwähnte Ort auf dem Camino Francés, gleich nach der Kathedrale von Santiago.

Vorschau

Den Beitrag werde ich ausnahmsweise an dieser Stelle beenden, damit ich euch im nächsten Beitrag erzählen kann, wie ich in Santiago de Compostela ankam und, was ich dort alles erlebt hatte.

Quellen

Titelbild: Pilger im Nebel, Fotorechte: Dario schrittWeise
https://www.montedogozo.com/de/monte-gozo-santiago/historische-bedeutung/

4 Kommentare zu „Auf dem Monte de Gozo [Camino Francés XVI]

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  1. Hallo lieber Dario, auf so einen Berg der Freude sollte jeder von uns, wenigstens einmal, steigen. Allein der Gedanke, dass seit vielen Jahrhunderten unzählige Pilger denselben Weg gegangen sind. Jeder trägt in sich ewige Sehnsucht nach der Bewegung in der Freiheit, interessante Begegnungen mit bekannten und unbekannten Menschen. Besonders interessent finde ich dein Freundebuch. Haben dir alle aus deiner Pilgergruppe darin Spuren der Freundschaft hinterlassen? Ich warte ungeduldig auf deine spannende Geschichte aus Santiago de Compostela,
    LG, bleibe gesund, Sophie Mai

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Sophie, danke dir. Ja, alle haben etwas in mein „Freundebuch“ geschrieben. Ich finde es ist eine schöne Alternative zu den sozialen Medien. Berge der Freude gibt es wohl viele, jeder Mensch definiert ihn für sich anders. Liebe Grüße, Dario

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