Die Rückkehr nach Santiago de Compostela [Camino Francés XVII]

Santiago de Compostela ist das Ziel vieler Pilger:innen. Im Mittelalter standen andere Gründe als heute im Mittelpunkt, in erster Linie religiös motiviert. Beispielsweise für die Erlösung und Buße. Heute machen sich die Menschen aus vielfältigen und meist irdischeren Gründen auf den Weg.

Santiago de Compostela war im Mittelalter neben Jerusalem und Rom das dritte wichtige Ziel der christlichen Pilgerbewegung. Mit der Eroberung Jerusalems gewannen Rom und Santiago an Bedeutung als Ziele der christlichen Pilger:innen. Noch heute erfreut sich die Pilgerschaft nach Santiago großer Beliebtheit.

Für mich hat es sechs Jahre und ungefähr 3000 Kilometer gedauert, von Nürnberg nach Santiago de Compostela in mehreren Abschnitten zu pilgern. Meine lange Reise begann ich im Herbst des Jahres 2015. Das einzige Jahr ohne Pilgern war 2020, aus bekannten Gründen. Und am 09.10.2021 war es endlich soweit. An jenem Tag erreichte ich den Zielort des langen Weges.

Wegweiser

Etappe 33: Monte de Gozo – Santiago de Compostela (Teil 2)

  • Datum: 09.10.2021
  • Entfernung: 6 Kilometer (von 21 insgesamt)

Im letzten Beitrag über meine Pilgerreise beendete ich den Text bei unserer Ankunft auf dem Monte de Gozo, dem Berg der Freude. Der Blick auf die Stadt und die Kathedrale machte uns glücklich, weil wir wussten, dass wir bald am Ziel unserer Pilgerreise sein werden.

Die letzten Kilometer

Von Monte de Gozo dauerte es nicht mehr lange bis Santiago. Voller Vorfreude setzen Diyana, Ineke, Anna, Kosta und ich unsere Pilgerschaft fort. Die Spannung stieg mit jedem Schritt. Vor dem Ortseingangsschild von Santiago de Compostela machten wir ein gemeinsames Gruppenfoto.

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Ankunft in Santiago

Die letzten 1 – 2 Kilometer waren sehr intensiv. Endlich sind wir in Santiago angekommen. Für die meisten aus meiner Pilgergruppe war es das erste Mal in Santiago. Es war ein überwältigendes Gefühl, die letzten Meter bis zur Kathedrale zu laufen. Viele bekannten Pilger:innen kamen uns entgegen, weil sie bereits die Stadt erkundet haben.

Ein Zitat fiel mir auf der Straße auf: „Europa ist auf der Pilgerschaft geboren“ von Johann Wolfgang von Goethe.

Antonia war auch schon da, weil sie unbedingt um 12 Uhr in die Pilgermesse gehen wollte. Wir trafen auch die polnische Pilgergruppe, die mit dem „Pilgerpriester“ unterwegs war.

Wir machten viele Fotos, alleine, alle zusammen, grüppchenweise, mal ernst, mal lustig. Ständig kamen neue Pilger:innen auf den Platz vor der Kathedrale. Sie freuten sich ebenfalls, sie sangen, sie umarmten sich. Mache lachten, andere wiederum weinten vor Freude.

Und schon bald begannen die anderen Pilger:innen Pläne für ihre nächste Pilgerreise zu schmieden.

Vor der Kathedrale auf dem Plaza del Obradoiro

Ich sah mich uns auf dem Platz vor der Kathedrale um. Plaza del Obradoiro ist vermutlich der bekannteste Platz von Santiago. Hier sind auch einige der wichtigsten Gebäude der Stadt zu sehen, das Parador-Hotel Reyes Católicos, das Rajoy-Palast und das Kolleg San Jerónimo.

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Dann wäre hier noch die romanische Kathedrale des Apostels Jakobus zu nennen. Sie ist das Endziel von vielen Jakobswegen, die sternförmig in der großen Kirche zusammenkommen. Santiago de Compostela und die Kathedrale wurden im Jahr 1985 von der UNESCO zum Weltkulturerbe der Menschheit erklärt.

Von der Plaza del Obradoiro kann das Hauptportal der Kathedrale besichtigt werden, der Portico de la Gloria – der Portikus der Herrlichkeit. Das Hauptportal wurde im Jahr 1188 vom Baumeister Matthias erschaffen. Die Besonderheit des Portikus sind die zweihundert biblische Figuren mit dem Apostel Jakobus auf der Mittelsäule als zentralen Figur.

Unterkunft und Anmeldung für die Urkunde der Pilgerschaft

Nach einer ausgiebigen Feier unserer Ankunft liefen wir in unsere Unterkunft, die sich etwas außerhalb des Stadtzentrums befand. Vom Fenster der Unterkunft konnten wir über die Stadt und auf die Kathedrale blicken. Martha ist auch angekommen, die aufgrund eines Termins einen halben Tag hinter uns war.

Da die Schlange für die Urkunde der Pilgerschaft beträchtlich war, musste ich mich in einem digitalen System anmelden, um eine Nummer zu bekommen.

Der Abend des Ankunftstages

Am Abend traf ich mich mit der Pilgerclique vor der Kathedrale. Wir hatten Käse, Weintrauben und Wein dabei. Es war ein fröhlicher Abend. Martha, Antonia, Kosta, Diyana, Ineke und Anna waren da.

Vor der Kathedrale spielte, wie an den meisten Tagen, eine traditionelle Studentenband. Wir tanzten und sangen ein wenig mit.

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Freier Tag in Santiago

  • Datum: 10.10.21
  • Entfernung: „0 Kilometer“

Ich gönnte mir einen Pausentag in Santiago. Die Angabe der Kilometer stimmt nicht ganz, weil ich doch viel durch die Stadt gelaufen bin. Jedoch führten mich meine Schritte immer wieder vor die Kathedrale und in meine Unterkunft zurück. Ich lief sozusagen im Kreis. Die Entfernungen waren an diesem Tag nicht mehr wichtig, weil fast von jedem Punkt meine Unterkunft in ca. 30 Minuten erreichen könnte.

Da die meisten untere Unterkunft verlassen hatten, tat ich es ihnen am zweiten Tag gleich und zog in eine zweite Unterkunft, in ein eigenes Zimmer. Nach mehreren Tagen in Gemeinschaftsschlafzimmern ist es ab und zu gut, ein wenig Ruhe und Privatsphäre zu haben.
Den ganzen Tag traf ich in der Altstadt bekannte Gesichter. Einige kamen nach, weil sie beispielsweise einen Pausentag gemacht hatten. Auch Hendrik aus den Niederlanden ist angekommen. Er hatte, wie in einem anderen Beitrag geschrieben, mehrmals die Pilgerwege gewechselt, weil er etwas gesucht hatte, was er nicht sofort finden konnte.

Pilgermesse in der Kathedrale

Ich nahm an der Pilgermesse teil. Die Warteschlange war lang, aber machbar. Auch andere der mir bekannten Pilger:innen waren anwesend. Wir sind durch die Heilige Pforte hineingekommen. Sie ist nur an sogenannten Heiligen Jahren offen. Diese Jubeljahre finden immer dann statt, wenn der Jakobustag (25. Juli) auf einen Sonntag fällt.

Das Jahr 2021 war ein heiliges Jahr, aber der Papst Franziskus hatte das Jahr 2022 zum außerordentlichen heiligen Jahr ernannt, damit die Pilger wegen der Pandemie auch ein Jahr später nach Santiago pilgern können. Für mich war das gut, weil der Camino Francés 2021 vergleichsweise wenig Pilger:innen aufgewiesen hatte, obwohl noch genug Leute unterwegs waren. Sonst wären es aber noch mehr gewesen. Das nächste Heilige Jahr findet 2027 statt.

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Wir hatten Glück und der berühmte Botafumero wurde geschwungen. Botafumero ist ein Weihrauchfass, das traditionell von acht Männern an Seilen geschwungen werden muss. Das 1,60 m Fass hängt an einer großen Winde, die ca. 66 m oberhalb des Hochaltars in der Decke angebracht war. Eine Spezialfunktion des Weihrauchfasses bestand darin, den Geruch der Pilgerinnen zu neutralisieren. Normalerweise wird er nur zu besonderen Anlässen geschwungen, oder wenn jemand dafür spendet. Wie vermutlich in unserem Fall auch.

Am Ende der Pilgerschaft wird üblicherweise die sitzenden Jakobusfigur am Hochaltar umarmt. Das ging 2021 wegen der bekannten Situation nicht. Ich ging hinunter in die Krypta mit dem Grab des Apostels Santiago. Hier konnte ich den Reliquienschrein mit den Überresten des Heiligen sehen.

Hier befand sich der Ursprung des Jakobsweges. Das Grab wurde am Anfang des 9. Jahrhunderts entdeckt. Die Stätte wurde dem Apostel Jakobus zugeschrieben. Der Ort wurde zu einer Wallfahrtsstätte und dort entstanden eine Kirche und ein Dorf, das sich zu Santiago entwickelt hatte. Im Jahr 1075 begann der Bau der Kathedrale während der Regierungszeit von Alfons VI. Schon bald zog Santiago de Compostela viele Pilger:innen aus ganz Europa und darüber hinaus an.

Die Urkunde

Später am zweiten Tag holte ich mir die Urkunde ab. Trotz Anmeldung musste ich einige Minuten warten. Die „Urkunde“, sogenannte Compostela, bekommen alle Pilger:innen, die mindestens 100 Km zu Fuß zurücklegen oder 200 Km mit dem Pferd, Esel oder Fahrrad am Stück, wie schon im Beitrag über den Abschnitt rund um Sarria geschrieben. Bei mir sind einige mehr zusammengekommen.

Der zweite Abend in Santiago

Am zweiten Abend aßen wir gemeinsam in einem Restaurant zu Abend. Später gingen wir wieder alle zum Platz vor der Kathedrale. Auch die Band war wieder da. Einer der Musiker:innen sagte zu uns: „Ihr schon wieder!“ Danach gingen noch einige Pilger: innen in eine Bar. Ich kam zwar mit, blieb aber nicht lange.

Der Abend war nicht mehr so fröhlich, wie der letzte. Vermutlich auch, weil viele traurig waren, dass unsere gemeinsame Reise vorbei war. Wir verabschiedeten uns voneinander, die meisten Pilger: innen kehrten nach Hause zurück.

Planung der Fortsetzung

In Santiago endete meine Pilgerschaft auf dem Camino Francés. Da ich noch einige Tage übrig hatte, beschloss ich, weiter nach Finisterra zu laufen. Wie es dann weiterging, werde ich in einem späteren Beitrag schreiben, voraussichtlich am Anfang des kommenden Jahres.

Widmung

Meine letzten Abschnitte auf dem Camino Francés widme ich meinem geschätzten Freund J.

Quellen

Titelbild: "In Santiago angekommen", Fotorechte: Dario schrittWeise
https://www.santiagoturismo.com/info-xeral/patrimonio-da-humanidade (zuletzt abgerufen: 27.11.2022)
https://www.santiagoturismo.com/apostolo-santiago/traslatio (zuletzt abgerufen: 27.11.2022)
https://www.spain.info/de/highlights/kathedrale-santiago-compostela/ (zuletzt abgerufen: 27.11.2022)
https://www.santiagoturismo.com/info-xeral/presentacion (zuletzt abgerufen: 27.11.2022)
https://www.spain.info/de/reiseziel/santiago-compostela/ (zuletzt abgerufen: 27.11.2022)
http://oficinadelperegrino.com/en/ (zuletzt abgerufen: 27.11.2022)
https://archicompostela.es/(zuletzt abgerufen: 27.11.2022)

8 Kommentare zu „Die Rückkehr nach Santiago de Compostela [Camino Francés XVII]

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